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ÜBER "GEN Z" HINAUS DEN REVOLUTIONÄREN GEIST DER JUGEND VERTEIDIGEN

  • vor 40 Minuten
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INTERNATIONALISTISCHE JUNGE-FRAUEN PERSPEKTIVE



Die “Generation Z, eine klar erkennbare Grup pe an Kindern und Jugendlichen, die ständig im Zentrum aller Aufmerksamkeit stehen.” Fast keine Woche vergeht, ohne dass wir in irgendei ner reißerischen Headline stigmatisiert werden. Wir werden als faul, fragil und süchtig nach unseren Smartphones dargestellt. Das herrschende System unternimmt enorme Anstrengungen, um unser kol lektives Bewusstsein zu formen und zu kontrollieren, indem es die Gesellschaft konstant mit unterdrücke rischen Narrativen bombardiert. Diese Narrative sind dazu gedacht, uns von unserem eigenen, alternativen Bewusstsein abzulenken und uns an den Status Quo zu binden. Welchen Zweck verfolgen Narrative wie das “Gen Z”-Narrativ? Wenn wir an diese Theorien nicht nur als passive Forschungsobjekte sondern als revolutio näre Jugend herangehen, müssen wir uns fragen: Ist die Kategorie “Gen Z” wirklich eine gute Abbildung unserer Realität oder ist sie einfach nur ein Instru ment, um uns zu beschränken und zu limitieren?


DIE GENERATIONEN- UND GEN-Z-THEORIE

Die Generationentheorie beruht auf der Annahme, dass die Geschichte einem bestimmten Rythmus folgt. Laut der Generationentheorie durchlaufen Ge sellschaften wiederkehrende Zyklen, die durch auf einanderfolgende Altersgruppen geprägt sind. Jede Generation entwickle so eine eigene Denkweise, die von den politischen und kulturellen Bedingungen der Erziehung geprägt sei. Beim Altern einer Generation und dem Erwachsenwerden einer anderen entstehe so eine neue Phase. Veränderung passiert nicht als ein Resultat organisierter Kämpfe, sondern als auto matisches (Weiter)Drehen des historischen Rades. Auf den ersten Blick erscheint dies überzeugend. Die Jugend stand häufig im Zentrum historischer Brüche. Die Generationentheorie jedoch reduziert diese Rolle auf einen strukturellen Rythmus. Bewusste politische Intervention wird als automatisches Drehen eines his torischen Rades gesetzt. Innerhalb dieses Rahmens bezeichnet “Generation Z” diejenigen, die grob zwischen 1995 und 2010 geboren wurden. Wir werden als die erste voll digitale Gene ration beschrieben, geformt durch Smartphones, So cial Media, ökonomischer Instabilität, Klimakrise und Pandemien. Wir werden als “digitally fluent” bezeich net und ständig vernetzt. Wir werden als sozial pro gressiv, uns um Klimagerechtigkeit und Geschlechter gleichheit kümmernd beschrieben. Wenn wir jedoch mobilisieren, wird unsere Klarheit als naiver Idealis mus oder Extremismus abgetan. Uns wird auch gesagt, wir seien fragil. Anstiege in Angst und Depressionen werden individualisiert anstatt sie verbunden mit Kriegen, Schulden, prekärer Arbeit und ökologischem Kollaps zu sehen. Am meisten jedoch werden wir be schuldigt, faul zu sein – als ob das Verweigern von Ausbeutung ein Charaktermangel wäre anstatt einer rationalen Antwort auf systemische Ungerechtigkeit. Oberflächlich betrachtet wirken die Kategorien der Generationen neutral. In der Realität verleugnen sie je doch historische Komplexität. Analyserahmen, haupt sächlich basierend auf dem anglo-amerikanischen Kontext, werden als universale Modelle exportiert und ignorieren dabei Klasse, Kolonialgeschichte und poli tische Realitäten auf der ganzen Welt. Das Ergebnis ist Entpolitisierung. Wenn Generationen bloß einem Skript folgen, hört die Jugend auf, ein politisches Sub jekt zu sein. Die konstante Wiederholung von Labels – faul, empfindlich, radikal – formt die Selbstwahr nehmung. Narrative beschreiben die Jugend nicht nur, sie versuchen, sie zu definieren und zu disziplinieren.


REVOLUTIONÄRER GEIST DER JUGEND STATT “GEN Z”

Und trotzdem steckt hinter diesen Verzerrungen auch eine Wahrheit: Wenn eine neue Jugend in die Ge schichte eingeht, verändert sich die Geschichte. Nicht durch mystische Zyklen, sondern weil die Jugend eine deutliche soziale Position einnimmt. Die Jugend als soziale Kategorie zu verstehen, kann nicht getrennt von einem Verstehen der Geschichte und der Ge sellschaft selbst passieren. Die Gesellschaft ist nicht statisch, sondern sie bewegt sich durch Phasen der Transformation. Veränderung und Entwicklung sind ihre fundamentalsten Charakteristiken. Es liegt in der Natur der Jugend, diese Dynamik zu verkörpern. Die Jugend repräsentiert die Lebendigkeit der sozialen Natur. Sie ist mobil, unermüdlich, will sich nicht be grenzen lassen. Sie strebt danach, ihre Stimme auch an den entlegensten Orten der Welt hörbar zu machen. Ihre Energie geht nicht schnell zur Neige. Ihre Haltung gegenüber dem Leben ist ein Hinterfragen, eine Suche. Die Zeit der Jugend ist vergleichbar mit der Zeit des Frühlings im Kalender. Genau so wie sich die Natur im Frühling verändert, enthält das menschliche Leben in der Jugend eine immense Offenheit gegenüber Ver änderung. Alles scheint möglich, nichts ist festgelegt. Sich dieser Rolle bewusst zu sein, ist entscheidend. Ohne das Bewusstsein über ihre historische Mission kann die Jugend absorbiert und neutralisiert werden. Eine Jugend, die sich ihrer sozialen Funktion nicht bewusst ist, kann nicht frei und autonom sein. Eine klare Identität der Jugend ist somit eine fundamentale Grundlage für ein freies Leben. Die Definitionen, die bisher über die Jugend entwi ckelt wurden, wie zum Beispiel das Gen-Z-Narrativ, wurden größtenteils mit Rollen verknüpft, die vom System zugeschrieben wurden. Die Herrschenden haben eine ganze Reihe an Begriffen erfunden – re bellisch, unverantwortlich, unpolitisch, extremistisch, konsumeristisch – aber nicht um die Jugend zu ver stehen, sondern um sie zu neutralisieren. Sie wissen genau so gut wie wir, dass diejenigen, die die Jugend gewinnen, die Gesellschaft gewinnen. Eine Jugend, die sich dem System ergeben hat, garantiert die Zukunft des Systems, weil die Jugend Zukunft bedeutet. Aus diesem Grund hat die Jugend immer einen besonde ren Platz in historischen Kämpfen eingenommen. Sie hat pionierhafte Rollen in Momenten sozialer Ent wicklungen innegehabt. Wo die Gesellschaften offen gegenüber Veränderung waren, anstatt sich an konser vative Stagnation zu klammern, wurde die Jugend die aktivste und effektivste Kraft der Veränderung. Gleichzeitig zeigt die Geschichte auch, dass die Jugend für reaktionäre Ziele manipuliert und mobilisiert wer den kann. Ihre Dynamik kann sowohl der Befreiung als auch der Beherrschung, abhängig von ihrem Orga nisationsgrad und Bewusstsein, dienen. Daher ist die Frage nicht, ob die Jugend kraftvoll ist, sondern von welchen Interessen geleitet diese Kraft eingesetzt wird. Die heutigen Aufstände – wie die in Nepal, Bangla desch, Madagaskar, Indonesien, Kenia, Marokko und darüber hinaus – zeigen, dass sich die Jugend weiter hin als entscheidende Akteur:innen abzeichnen. Junge Frauen wie Deniz Çiya haben dies mit ihrem Leben unter Beweis gestellt. Diese Aufstände sind keine Aus drücke eines generationalen Temperaments. Diese “Gen Z”-Aufstände sind Ausdrücke eines sozialen Wi derstands gegen die strukturelle Krise, die inhärent im aktuell herrschenden System ist.


Den revolutionären Geist der Jugend zu verteidigen be deutet, die Organisatierung zu vertiefen. Spontane Auf stände zeigen Lebendigkeit auf, aber eine dauerhafte Veränderung erfordert ideologische Klarheit, Internatio nalismus, demokratische Leitung und die Anerkennung der Frauenbefreiung als fundamental. Ohne das riskiert die Energie der Jugend eine Zersplitterung. Die letzten Jugendaufstände – sei es in der Form von Klimademos, Arbeitsbewegungen oder Aufstände gegen autoritäre Re gierungen – sind der Beweis, dass die Jugend weltweit nicht nur auf einen Komplex von Umständen reagieren, sondern bewusst und kollektiv die Narrative, die versu chen, sie zu definieren, ablehnen. Daher ist es wesentlich, zu analysieren, was passiert ist und Lehren aus diesen Aufständen zu ziehen, vor allem im Kontext des Aufbaus eines globalen demokratischen Jugendkonföderalismus. Denn die Kraft der Jugendbewegungen ist miteinander verbunden, auch wenn sie geografisch voneinander ent fernt sind. In diesem Kontext bietet der Begriff “Gen Z” auch das Potenzial, ihn sich wieder anzueignen: in Aufständen wie in Nepal oder Marokko wurde sich der Begriff wieder zu eigen gemacht, um sowohl revolutionäre Bewegungen zu stärken als auch Verbindungen mit Jugendlichen im Kampf rund um die Welt zu schmieden und so ein inter nationales Bewusstsein der Jugend wieder entfachen.


DIE PERSPEKTIVE DER JUNGEN FRAU

In diesem Kampf ist die Position der jungen Frau ent scheidend. Das ausbeutende kapitalistische System ord net ihr eine merkwürdige Mission zu: Nämlich über haupt keine Mission zu haben. Sie wird aufgefordert, individuellen Erfolg, ästhetische Konformität und leise Anpassung zu verfolgen. Ihre politische Stimme wird he runtergespielt; ihre Wut pathologisiert. Nichtsdestotrotz steckt im Kern der Identität der jungen Frau ein wider ständiger und militanter Geist. Sie trägt in sich nicht nur die Lebendigkeit der Jugend sondern auch die histori sche Erinnerung an den Widerstand der Frauen. Diesen Geist zu wecken bedarf bewusster Organisierung. Die junge Frau muss darauf bestehen, ihre Bildung in der Perspektive der Demokratischen Nation1 zu organi sieren – einer Bildung, die die kollektive Ethik, das his torische Bewusstsein und die politische Verantwortung stärkt. Sie muss alles im existierenden System hinterfra gen: Die Rollen, die ihr zugewiesen werden, die ihr auf gedrängten Bilder, die Limitierung ihrer Träume. Dieses Hinterfragen darf jedoch nicht nicht auf der individu ellen Ebene verharren. Ihre Reflexion muss organisiert stattfinden. Daher ist es die Aufgabe der jungen Frau, die durch den Kapitalismus kreierte Sichtweise auf sie und andere Frauen zu zerschlagen. Sie muss neue politische Methoden und Arten der Teilnahme entwickeln. Sie muss ihre eigene Kreativität und revolutionäre Natur als entscheidende Kraft in die Politik einbringen. Wenn sich die junge Frau organisiert, verteidigt sie sich nur, sondern sie transformiert die ganze Jugendbewegung. Denn ohne die Freiheit der Frau kann kein revo lutionärer Geist bestehen bleiben. Beispielsweise zeigten die sandinistiche Revolution in Nicaragua oder die Sow jetunion unter Stalin beide, wie patriarchale Dominanz innerhalb der Bewegung nicht nur Beiträge der Frauen einschränkt sondern die Revolution in ihrer Gesamt heit zersetzte. In diesen Kontexten führte die Weigerung, die Rolle der Frauen in der Revolution zu akzeptieren, letztendlich zum Verfall des Sozialismus. Die aus diesen Misserfolgen gezogenen Lehren heben die Wichtigkeit der Integration der Führung der Frauen ins Herz der re volutionären Kämpfe hervor.


DIE JUGEND IST DIE ZUKUNFT

Trotz all dem Gerede rund um Gen-Z ist die Jugend nicht nur eine Marketing-Zielgruppe. Sie ist nicht nur ein de mografischer Trend, sondern sie ist der dynamischste Ausdruck der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Erneue rung. Wenn die essenzielle Eigenschaft der Gesellschaft die Veränderung ist, wird die Jugend – als die Verkör perung der Offenheit für Veränderung – ihre aktivste Komponente. Weil das System unser Potenzial versteht, kategorisiert, kritisiert und erniedrigt es uns. Eine ent politisierte Jugend ist die Garantie der Kontinuität und eine organisierte Jugend mit einem eigenen Bewusstsein ist für sie die größte Gefahr. Den revolutionären Geist der Jugend zu verteidigen, bedeutet demnach, die Zukunft zu verteidigen. Um die Zukunft zu verteidigen, benötigen wir eine Klarheit da rüber, wer uns definiert und wieso. Dies braucht eine Ablehnung der uns auferzwungenen Identitäten und eine Schaffung unserer eigenen. Dazu muss man an erkennen, dass eine Jugend, die sich ihrer historischen Rolle bewusst ist, zu einer treibenden Kraft des Wandels wird. Wir sind keine prädeterminierten Spielfiguren in einem sich wiederholenden Zyklus. Wir sind eine leben dige Kraft, die durch den Kampf und die Organisation geformt ist. Wir folgen nicht bloß dem Rhythmus der Geschichte, wir haben die Fähigkeit, ihn zu brechen. Solange sich junge Leute dem ihnen aufgedrängten Bild verweigern und sich nach ihrem eigenen Verständnis von Freiheit, Würde und kollektivem Leben organisie ren, wird der Geist der Jugend unanfechtbar sein. So lange dieser Geist bewusst und organisiert bleibt – vor allem durch die Leitung und Befreiung der jungen Frau en – wird die Jugend weiterhin nicht das Objekt der Ge schichte sondern ihr Antrieb sein.


1. Das Konzept der Demokratischen Nation, so wie es von Abdullah Öcalan vorgeschlagen wurde, ist die Vision einer Gesellschaft, in der kulturelle Diversität und demokrati sche Prinzipien durch dezentralisierte Führung und kol lektive Selbstbestimmung gelebt werden. Es ruft zu einer Transformation des Nationalstaats zu einem System auf, das auf demokratischem Konföderalismus, Frauenbefrei ung und sozialer Ökologie beruht.



 
 
 

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