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Der demokratische Gesellschaftssozialismus führt zum Sieg

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Eine Nachricht von Imrali an die Internationale Konferenz für Frieden und demokratische Gesellschaft


Abdullah Öcalan sendete diese Nachricht von der Gefängnisinsel Imrali an die “Internationale Konferenz für Frieden und demokratische Gesellschaft”, die vom 6. bis zum 7. Dezember 2025 in Istanbul abgehalten wurde. Politiker:innen, Akademiker:innen, Journalist:innen, Menschenrechtsverteidiger:innen und parlamentarische Repräsentant:innen dienten mit unterschiedliche Kapazitäten der Konferenz als Sprecher:innen oder Teilnehmer:innen aus 19 Ländern von 5 verschiedenen Kontinenten.1


Versammlung des Petrograder Sowjets, 1917
Versammlung des Petrograder Sowjets, 1917

“An die verehrten Denker:innen, geschätzte Genoss:innen, ehrenwerte Delegierte und alle, die weiterhin an die Möglichkeit eines Sozialismus glauben:


Von der Insel Imrali, wo ich mich seit 26 Jahren unter den Bedingungen strikter Isolation befinde, wende ich mich an euch in einer Zeit, in der erneut Gespräche mit dem Staat aufgenommen wurden mit dem Ziel, über die kurdische Frage in der Türkei Wege zu Frieden und einer demokratischen Gesellschaft zu finden. Gerade unter diesen Umständen ist es wertvoll und bedeutungsvoll, heute bei dieser Internationalen Konferenz für Frieden und Demokratische Gesellschaft über den Wiederaufbau des Sozialismus zu sprechen.


Als kurdische Bewegung haben wir mit dem 52-jährigen Kampf der PKK unseren Existenz- und Würdekrieg geführt und abgeschlossen. Nun befinden wir uns in einer neuen Phase, die auf den Wiederaufbau einer demokratischen Republik und einer demokratischen Gesellschaft zielt. Die PKK hat die nationale Existenz des kurdischen Volkes gesichert und damit ihre historische Mission erfüllt. Gleichzeitig hat sie die Grenzen des nationalstaatlich geprägten Sozialismus offengelegt.


Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts trat als Impuls einer negativen Revolution2 auf, ohne eine tragfähige Alternative aufzubauen. In den 1990er Jahren, als sich viele vom Sozialismus abwandten, sagte ich: „Am Sozialismus festzuhalten, heißt, am Menschsein festzuhalten.“ Mein gesamtes Leben habe ich dem Wiederaufbau dieser Hoffnung gewidmet. Trotz großer Opfer ist daraus heute ein ideelles und praktisches Erbe erwachsen, das von kritischer Auseinandersetzung geprägt ist. Dieses Erbe wahrhaftig anzunehmen bedeutet, den Sozialismus aus der bloßen Erinnerung zu lösen und ihn wieder zu einer lebendigen gesellschaftlichen Kraft zu machen.


Kapitalismus: Eine Krankheit, die die Menschheit bedroht


Die sozialistische Tradition muss als Erbe für den Aufbau von Frieden und einer demokratischen Gesellschaft verstanden werden. Dies ist nur möglich, wenn internationale Verpflichtungen sowohl theoretisch als auch praktisch wahrgenommen werden. Obwohl utopische Sozialist:innen und Marxist:innen seit dem 19. Jahrhundert das kapitalistische Herrschaftssystem umfassend kritisierten, blieb eine wirksame Alternative aus.


Heute hat der Kapitalismus die Schwelle einer bloßen Krise längst überschritten. Er ist zu einer Krankheit geworden, die die menschliche Existenz bedroht. Das staatliche Gewaltmonopol im nationalstaatlichen Format ist eine zentrale Triebkraft dieses Niedergangs. Der Kapitalismus lässt sich weder nur mit ökonomischen Kategorien erklären, noch kann das Scheitern sozialistischer Bewegungen ausschließlich mit kapitalistischer Repression begründet werden – auch historische und gegenwärtige Fehler sind mitverantwortlich.


Kritik an Marx im Geiste der Selbstkritik


Meine Kritik an Marxismus und Marx ist kein pauschales Urteil. Marx war ein Denker seiner Zeit – einer Epoche, in der vieles noch im Dunkeln lag: ökologische Krisen existierten noch nicht, und der Kapitalismus befand sich im Aufstieg. Marx war ein selbstkritischer, intellektuell aufrechter Ideologe. Er erkannte die Bedeutung der Frauenbefreiung, betrachtete sie jedoch oberflächlich. Er glaubte, die Überwindung der ökonomischen Ausbeutung würde auch die Geschlechterfrage lösen.


Sein Versuch, die Geschichte rein über Klassen zu erklären, und sein mangelndes Verständnis für Staat und Nationalstaat hatten schwerwiegende Folgen. Ich möchte betonen, dass ich Marx’ Werk mit großem Respekt begegne, seine Absichten nicht in Frage stelle und den Marxismus von Marx selbst unterscheide. Unsere Kritik an Marxismus und Realsozialismus verstehe ich als sozialistische Selbstkritik.


Historischer Materialismus muss neu gefasst werden


Systemoppositionelle Kräfte müssen den historischen Materialismus im Einklang mit den realen gesellschaftlichen Bedingungen neu denken. Kapitalismus ist kein plötzliches Produkt der Neuzeit. Seine Wurzeln reichen bis in die 10.000-12.000 Jahre alte Zivilisationsgeschichte Untermesopotamiens. Fundstätten wie Göbekli Tepe und Karahan Tepe werfen neues Licht auf diesen Ursprung.

Ich bezeichne das bestehende Zivilisationssystem als ein „kastisch strukturiertes System sozialen Mordes“. Archäologische und anthropologische Erkenntnisse belegen, dass männliche Jägerkasten mit ihren Tötungstechniken matrilinear organisierte Clanstrukturen unterdrückten und versklavten. Dies ist die tiefgreifendste Spaltung der Menschheitsgeschichte und eine große Konterrevolution, die alle folgenden Zivilisationsentwicklungen prägte.


Eine neue Analyse des Kapitalismus ist notwendig


Eine Rückbesinnung auf diese historische Perspektive eröffnet neue Horizonte zur Analyse des Kapitalismus. Dieses System zerstört nicht nur das soziale Gefüge durch innere Widersprüche, sondern bedroht durch chemische und nukleare Waffen, Umweltverschmutzung, Raubbau und Klimakatastrophen das Überleben der gesamten Menschheit.


Daher ist es eine zentrale Aufgabe der internationalen Bewegung, eine neue, umfassende Kapitalismusanalyse zu entwickeln. Dabei sollten wir die Geschichte der Unterdrückten aus der Perspektive der Kommune erzählen, die als allererste Form der Selbstverteidigung noch vor der ersten Klasse entstand.


Die Geschichte ist nicht nur Geschichte der Klassenkämpfe. Sie ist ebenso ein ständiger Konflikt zwischen kommunalen und antikommunalen Entwicklungen – ein Ringen, das bis zu 30.000 Jahre zurückreicht.


Dialektischer Materialismus als Methode, transformativ gedacht


Ich bin überzeugt, dass eure Konferenz auf Grundlage der hier vorgestellten Analysen fruchtbare Diskussionen anstoßen und zu einem neuen politischen Programm beitragen wird. Die dialektische Methode bleibt dabei grundlegend, sofern sie nicht dogmatisch verstanden wird.

Widersprüche sind nicht zu tilgende Gegensätze, sondern einander bedingende gesellschaftliche Realitäten: Ohne Kommune kein Staat, ohne Bourgeoisie kein Proletariat. Daraus folgt: Widersprüche sind historisch zu transformieren, nicht mechanisch zu beseitigen.


Demokratischer Gesellschaftssozialismus führt zum Erfolg


Die Geschichte des Realsozialismus im 20. Jahrhundert zeigt, dass sein Scheitern auch auf einem falschen Verständnis dieser Dialektik beruhte: Der staatszentrierte Sozialismus, der den Staat übernehmen wollte, wurde schließlich von ihm absorbiert. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde auf den Nationalstaat reduziert – ein Schritt zurück in die Logik der bürgerlichen Politik. Der Begriff „proletarischer Nationalstaat“ reproduzierte nur das staatszentrierte Denken.


Deshalb sage ich: Der Nationalstaat-Sozialismus führt in den Misserfolg, der demokratische Gesellschaftssozialismus zum Erfolg. Heute ist es an der Zeit, sich auf Grundlage des demokratischen Gesellschaftssozialismus dem demokratischen Befreiungsprozess zuzuwenden. Ich bin überzeugt, dass wir mit der Perspektive einer demokratischen Republik, einer demokratischen Nation und auf Basis einer frauenbefreienden, ökologischen und demokratischen Gesellschaftsparadigmas den Wiederaufbau erfolgreich gestalten können.


Demokratische Politik als Strategie, Recht als Garant


Diese Überzeugung hat unsere Bewegung zu ideologischer Erneuerung, organisatorischer Dynamik und Volksverankerung geführt – hin zu einem sozialistischen Programm, das den Anforderungen dieses Jahrhunderts gerecht wird. Die Beziehung zum Staat wird im Rahmen eines demokratischen Verständnisses neu definiert. Der Staat darf keine übermenschliche Instanz über der Gesellschaft sein, sondern muss als demokratische Vereinbarung zwischen Staat und Gesellschaft neu gedacht werden.


Demokratische Politik wird zur Strategie gesellschaftlicher Transformation. Das Recht wiederum wird zur Taktik, um Frieden und Veränderung dauerhaft abzusichern – als Ausgleichsmechanismus zwischen Staat und Gesellschaft, der Gewalt begrenzt und Demokratie institutionalisiert.


Drei Prinzipien für ein Recht der demokratischen Integration


In diesem Sinne habe ich den Begriff der demokratischen Integration und des demokratischen Integrationsrechts als zentrale Elemente einer Friedensstrategie entwickelt. Dieses Recht sollte sich an universellen, individuellen und kollektiven Prinzipien orientieren und auf drei Säulen ruhen:


▪ Gesetz der/des freien Bürgerin/Bürgers

▪ Gesetz für Frieden und demokratische Gesellschaft

▪ Gesetze der Freiheit


Ein solches demokratisches Integrationsrecht würde den Staat zu einem Rechtsstaat im eigentlichen Sinne3 wandeln und zugleich die gesellschaftlichen Errungenschaften institutionell absichern und die Freiheit garantieren.


Frieden durch demokratischen Dialog


Mein Aufruf für Frieden und demokratische Gesellschaft ist als Dialogprozess zu verstehen. In einer Region wie dem Nahen Osten, die von ethnischer, religiöser und konfessioneller Vielfalt geprägt ist, kann durch Dialog und demokratische Verhandlung viel erreicht werden.


Ich halte es für angemessener, Sozialismus nicht als gewaltsame Revolution, sondern als positive Praxis des Aufbaus und der Existenz zu verstehen – ein Prozess, der in Form eines demokratischen Dialogs gestaltet werden muss. Ohne einen tiefgreifenden demokratischen Dialog ist es schwer, an die Realisierbarkeit oder Beständigkeit eines Sozialismus zu glauben. Auch Lenin sagte: „Ohne eine umfassende, entwickelte Demokratie kann kein Sozialismus aufgebaut werden.“


In diesem Geist und mit dieser Überzeugung wünsche ich eurer Konferenz viel Erfolg und sende euch auf eurem unermüdlichen Weg meine kameradschaftlichen Grüße und Zuneigung.”


Abdullah ÖCALAN

06.12.2025, İmralı Island


Quellen


  1. ANF | Öcalan: Zeit für den demokratischen Gesellschaftssozialismus https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-49136

  2. Eine negative Revolution ist die Starrheit, konservative Haltungen und Widerstand gegenüber Wandel, der innerhalb revolutionärer Parteien, Institutionen und Bewegungen selbst entsteht.”

    https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/-49108


  3. Abdullah Öcalan nimmt eine Unterscheidung zwischen dem Rechtsstaat und dem abnormativen Staat vor. Mit letzterem sind jene Kräfte innerhalb des Staates gemeint, die verdeckt organisiert agieren und sich nicht an die geltenden Normen, d. h. die Gesetze und Vorschriften eines Staates, halten, sondern ihre eigene Agenda verfolgen und den „normalen Staat“ für ihre eigenen Zwecke ausnutzen.

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