Echos des Widerstands – zu Ehren der Opfer von staatlicher Gewalt in Kenia
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Geschrieben von Gathanga Ndung’u, ein Community-Organiser und Aktivist bei Mathare Social Justice Centre (MSJC) und politischer Organiser bei der Revolutionary Socialist League – Africa (RSL).

Kenia bekam seine Flaggen-Unabhängigkeit im Jahre 1963. Die lang ersehnte Souveränität kam nie, da die Werkzeuge der ökonomischen Emanzipation, wie das Land und die Industrie, in den Händen der Kolonialmächte und deren lokalen Protégés, der Comprador-Klasse, angeführt vom ersten Präsidenten, Kamau Wa Ngeegi (alias Jomo Kenyatta) verblieben. Dieser Verrat kam nach einem der blutigsten Befreiungskämpfe Afrikas, bei dem die Kenya Land and Freedom Army (KLFA), auch als Mau Mau bekannt, von 1952 bis 1963 gegen die britische Regierung kämpfte. Bis heute sind Land und andere Ressourcen in den Händen ein paar weniger politischer Eliten und deren Vettern konzentriert, was eine höchst ungleiche Gesellschaft schafft.
Der Ausbruch der Proteste im Juni 2024 passierte nicht in einem Vakuum. Der Finanz-Gesetzentwurf von 2024 war nur ein Anlass in über 120 Jahren der systemischen sozio-ökonomischen und politischen Repression in Kenia. Für uns Kenianer:innen wird der 25. Juni 2024 für immer in unseren Herzen und Köpfen eingebrannt bleiben. Es ist eine unauslöschliche Markierung, die den Mut der kenianischen Jugend, die es auf sich genommen haben, den Lauf unserer Geschichte als Land zu verändern, für immer verkörpern wird. Die Jugend sah sich mit einem schwindenden Arbeitsmarkt, unerfüllten Versprechen und der Verabschiedung menschenfeindlicher neoliberaler Richtlinien konfrontiert. Zusätzlich erlebten sie schlechte Regierung und Korruption, offene Missachtung der Verfassung und Gesetze und beispiellose mutwillige Verschwendung nationaler Ressourcen in Kombination mit ungezügeltem Prahlen mit Reichtum durch Staatsbedienstete und die politische Klasse. Die Jugend sah keine Hoffnung im “Hustler Dream1”.
Es begann als Missmut und Sorgen der Bürger:innen über das Jahresbudget, das vorsah, weitere 2,7 Mrd. US-Dollar aus Steuereinnahmen zu gewinnen, und als Opposition gegen drakonische und unterdrückerische Gesetze wie das 2024er Samen-Gesetz, welches das Verteilen indigener Samen kriminalisierte und weiterer Probleme. Dies wuchs zu einem Widerstand der Bevölkerung heran, welche durch Kenianer:innen aus verschiedenen sozialen Klassen, Ethnizitäten, Glaubensrichtungen und Generationen getragen wurde.
Die Proteste des 6. Juni wurden von Mitgliedern der Sozialgerechtigkeitsbewegung und anderen Organisator:innen und Aktivist:innen von verschiedenen Organisationen gestartet, die die Tore der Nationalversammlung – dem legislativen Arm der kenianischen Regierung – stürmten, um die komplette Abschaffung des Finanzgesetzes zu fordern. Den friedlichen Demonstrierenden, die lediglich mit Wasserflaschen, Trillerpfeifen und Plakaten „bewaffnet“ waren, stand eine rücksichtslos vorgehende Polizei gegenüber, die Dutzende von ihnen unter dem Vorwand der Störung der öffentlichen Ordnung festnahm.
Dies bildete die Grundlage für mehr wöchentliche Proteste, wobei der 18. Juni den Verlauf der größtenteils friedlichen Proteste veränderte. An diesem Tag dauerten die Proteste bis nach 18 Uhr an und im zentralen Finanzviertel der Haupstadt bis in die Nacht, was bis dato noch nie der Fall gewesen war. Während dieses Protestes fiel durch ein Polizeigeschoss der erste politsche Märtyer unserer Zeit, obwohl er unbewaffnet war. Der Tod Rex Masais, einem jungen Mann, der zu diesem Protest gegen eine realitätsentfremdete Regierung gekommen war, war eine Tragödie. Masai hat sein Leben durch die selbe Regierung verloren, die versprochen hatte, die Polizei zu reformieren und diesen endlosen und sinnlosen rechtswidrigen Hinrichtungen ein Ende zu setzen.
Diese Aktionen des Staates, die Angst einflößen und mehr Jugendliche daran hindern sollte, sich dem sich entwickelnden vom Volk getragenen Kampf anzuschließen, ging nach hinten los und führte stattdessen zu den massiven landesweiten Protesten des 25. Juni, die die politische Geschichte und den Kurs des Landes veränderten. Sein Tod erweckte die Worte der Grabinschrift Pio Gama Pintos – Kenianischer Sozialist und der erste von der ersten Unabhängigkeitsregierung am 24. Februar 1965 ermordete politischer Märtyer – zum Leben: ‘Ein Licht wurde ausgelöscht. Doch aus dem Funken, den er in sich trug, erhoben sich tausend Leuchtfeuer.’
Am 25. Juni, als das Parlament eilig und mit Unterstützung der Exekutive das kontroverse 2024er Finanzgesetz verabschiedete, entstand in den Straßen aller größeren Städte in Kenia eine Massenbewegung. Dies schloss auch Eldoret im Bezirk Uasin Gishu mit ein, die Heimatstadt des Präsidenten, die er als seine politische Hochburg betrachtete.
Erneut wurde diese mutige Haltung mit noch mehr brutaler Repression beantwortet, mit sechs Toten, die vor den Toren der Nationalversammlung durch Scharfschützen und andere Staatsmaschinerie getötet wurden. Dies passierte, nachdem die Jugendlichen heldenhaft zum ersten Mal in der Geschichte die Mauern des Parlaments überwunden hatten und tapfer in den Sitzungssaal marschierten während sich Parlamentarier:innen schnell in Sicherheit begaben. Während dieser Besetzung des Parlaments durch die Jugend wurde der Amtsstab, ein Objekt, das die gesetzgebende Macht des Parlaments symbolisiert, entwendet. Dies wurde zu einem Symbol dafür, dass sich die Leute die Macht, durch die das Parlament sie hätte repräsentieren sollen, zurückholten. Nach dem 25. Juni wurden die Entführungen, das Verschwindenlassen und die Folter vieler junger Aktivist:innen häufiger und der geschwächte Staat wurde grausamer in seinen Versuchen, scharf gegen diejenigen vorzugehen, von denen behauptet wurde, “Anführer:innen”, “Organisator:innen” und “Finanzierer:innen” der Proteste zu sein.
Ein digital befeuerter Protest
In den Aufständen von 2024 gab es viele erste Male und einige Erfolge in der ihrer Organisierung. Dies war der erste landesweite Protest jemals, der fast alle Teile des Landes erreicht hatte. Er hat es auch geschafft, die sozio-ökonomischen, politischen, religiösen und ethnischen Barrieren, die lange Zeit Spaltungen in der Organisierung kreiert hatten, zu durchbrechen. Durch die Nutzung der Kraft der digitalen Plattformen wurde der Staat mit einer gestaltlosen Bewegung konfrontiert, mit der er nicht umgehen konnte. Sie wurde als “führungs- und parteilos” bezeichnet und gewann so den Vorteil über traditionelle Organisationsformen, die sich um Stammesführer:innen oder politische Parteien drehten, welche somit leicht anzugreifen sind. Ihre Versuche, die wachsende Welle des digitalen Aktivismus auf den Social-Media-Plattformen zu kontern, scheiterten kläglich, da die politische und zivilgesellschaftliche Bildung durch Aktivist:innen und gewöhnliche Jugendliche offenbar großen Anklang bei der breiten Masse fand. Infolgedessen scheiterte die Regierung in ihrem Propaganda-Krieg gegen die eigene Bevölkerung.
Im Jahr 2024 wurden Memes als politische Werkzeuge des Aktivismus genutzt, denn sie halfen, die kritische Masse für eine “nationale Wut” aufzubauen, die in den Jahren zuvor gefehlt hatte. Durch diese regierungskritischen Memes wurden über digitale Plattformen über das ganze Land verteilt tausende Jugendliche mobilisiert.
Von der Verwendung von Memes, Cartoons und Karikaturen als Mittel, die Regierung und den Präsidenten im Speziellen zu kritisieren, hin zur Nutzung von Bildungsvideos auf verschiedenen Plattformen, wurden Medien in verschiedene ethnische Sprachen übersetzt, um Informationen über die verschiedenen kontroversen Teile des Gesetzesentwurfs und seinen Einfluss auf die Verfassung, zu verbreiten. Dadurch schafften es die Jugendlichen sogar an die bis dato noch nicht erreichten Bevölkerungsteile zu gelangen. Die Verfassung in ein simples und für die Mehrheit der Kenianer:innen verständliches Format herunterzubrechen, stellte sicher, dass die Menschen verstanden, auch diejenigen in den Dörfern, wie der Gesetzesentwurf ihr Alltagsleben beeinflussen würde.
Durch Wandbilder, Graffitis, “Spoken Word”, Musik, Poesie, und Comedy-Sketche verbreitete sich die Aufklärung der Bevölkerung wie ein Lauffeuer im Internet. Vor Ort intensivierten sich kommunale Versammlungen, lokale Proteste und zivilgesellschaftliche und politische Bildungsbestrebungen in Gegenden wie den Matatus2, Märkten, Häusern und anderen öffentlichen Räumen, während die Propaganda-Bemühungen der Regierung scheiterten.
Frauen spielten eine entscheidende Rolle in der Organisation von Anti-Femizid-Märschen, welche die ersten umfangreichen Proteste im Jahr 2024 waren. Sie wurden durch junge Frauen und Mädchen in mehreren Städten in Kenia organisiert. Diese Proteste halfen dabei, den nötigen Schwung für die Proteste gegen das 2024er Finanzgesetz von Juni bis August aufzubauen. Auf diese Proteste folgten im April die Mau Mau3-Frauen-Proteste gegen illegale Zwangsräumungen in Mathare nach den verheerenden Fluten von 2024, die von Frauen in ihren 80ern, die schon in den Befreiungskämpfen gegen das britische Empire in Kenia gekämpft hatten, angeführt wurden. Diese Proteste unterstrichen die entscheidende Rolle, die Frauen in der Organisierung von 2024 und dem Aufbau von Aktivitäten spielten. Während der bedeutenden Proteste waren Frauen auch in großen Zahlen in den vordersten Reihen, um sich den skrupellosen Polizeikräften des Staates entgegenzustellen.
Mit diesen Ereignissen haben die Jugendlichen Kenia verändert; wie ein Protestierender sagte: “Es wird nie wieder so sein wie zuvor”. Eine neue Mentalität hat Einzug gehalten: Die der jungen Menschen, die ihre Handlungsmacht realisierten und bereit sind, ihre Zukunft und Politik ihres Landes zu formen.
Im Jahr 2026 organisieren sich und agitieren die Jugendlichen weiter. Die meisten Anstrengungen werden auf die politische und zivilgesellschaftliche Bildung der breiten Öffentlichkeit durch alle Arten von Medien gelenkt. Obwohl die demokratischen Prozesse wie Wahlen oder Bürger:innen-Beteiligungen ihre Grenzen haben, vor allem in neoliberalen Staaten wie Kenia, gab es eine große Mobilisierung, um von unten schrittweise Veränderungen der Führung zu bewirken. Dies hat sich als ein kurzfristiges taktisches politisches Manöver herausgestellt, während wir strategisch eine langfristige Kultivierung einer kritischen, bewussten Masse planen.
In Gedenken an die Held:innen der 2024er Anti-Finanzgesetz-Proteste und der 2025er Erinnerungs-Proteste
Diese Errungenschaften waren nicht ohne einen entsprechenden Anteil an Rückschlägen und einem großen menschlichen Preis. Seit Beginn der Proteste hat Kenia über 61 Leben verloren, über 72 wurden entführt und 29 sind bis heute noch vermisst, 601 erlitten dauerhafte Verletzungen und über 1376 wurden willkürlich verhaftet. Während des darauffolgenden Jahres 2025, als wir Gedenken an die Proteste von 2024 veranstalteten, wurden 65 Menschen getötet, über 400 verletzt und über 26 Leute wurden verschwinden gelassen.
Diese Narben werden eine Erinnerung an die dunkle Zeit und an die menschlichen Opfer bleiben, die es brauchte, um unser Land aus dem Griff der imperialistischen Kräfte und der realitätsfernen Bourgeoisie, die seit der Unabhängigkeit des Landes herrschte, zu befreien. Während wir diese mutigen Held:innen unserer Zeit durch Wandgemälde, Graffiti, Lieder, Gedichte und andere Formen des Gedenkens feiern, halten die Menschen in Kenia die Flammen der Revolution am brennen. Wie Milan Kundera beteuerte: “Der Kampf der Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen.”
Die Pflicht, unsere Gefallenen unsterblich zu machen, ist nun unserer Generation überlassen, um sicher zu gehen, dass es ein kollektives Erinnern an die Gefallen gibt, während wir gleichzeitig ihre Bestreben nach einem besseren Leben am Leben halten. Wie Frantz Fanon schrieb: “Jede Generation muss in relativer Unklarheit ihre Mission entdecken, erfüllen oder verraten.” Die Befreiung unseres Landes war und bleibt nach wie vor die Mission unserer Zeit als junge Menschen aus Kenia, während wir dafür kämpfen, soziale Gerechtigkeit und Demokratie wiederherzustellen und unser Leben menschenwürdiger zu machen.
In Gedenken an Rex Masai Kanyike, Eric Shieni, David Chege, Denzel Omondi, Wanjiku, und viele andere Kenianer:innen, die ihr Leben verloren haben oder die durch den Staat entführt wurden.
1Hustler Dream: Präsident William Ruto verkaufte sich während der Präsidentschaftswahlkampagne 2022 als der “chief hustler”, da er aus armen Verhältnissen bis in die höchsten Ränge der Regierung aufstieg. Der Hustler-Traum war sein populistisches Lockmittel für die verarmten Massen, da er versprach ihre Leben durch bottom-up-Ökonomie zu transformieren.



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