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Die moderne Pariser Kommune

  • vor 8 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Wie sich die Jugend in Bakur zur Verteidigung des kommunalen Lebens erhob


Von Marcos Pacheco




Die Feuerwerke erleuchten den Himmel in roten, grünen und gelben Farben die ganze Nacht. Auf den Straßen wurden Lagerfeuer angezündet und Menschen jeden Alters haben sich sich um sie versammelt. Viele tanzen in Kreisen um die Feuer zum Takt der ohrenbetäubenden Musik, die aus den Lautsprecher schallt. Immer, wenn die Musik kurz stoppt, singen die jungen Menschen mit ihren kraftvollen Stimmen weiter und alle anderen rufen zurück.


Die größte Menschenmenge hat sich am “Mala Gel” versammelt, das kürzlich eröffnete Volkshaus. Die Menschen in der Nachbarschaft nennen es jedoch scherzhaft das “Haus Gottes”, denn wie in einer Moschee ist es andauernd gefüllt und alle kommen und gehen wie sie wollen. Derweil bleiben alle Institutionen des Staats und der politischen Parteien so gut wie leer. Stattdessen kommen die Menschen hierher, um ihre Probleme zu lösen, sich zu organisieren und einander auszuhelfen. Es ist das neue Herz der Stadt geworden, wo die Bedeutung von Begriffen wie Politik, Demokratie und Gemeinschaft neu definiert werden.


Trotz all des Lärms und der Hektik ist kein einziger Polizist zu sehen. Keiner von ihnen würde es wagen, ohne die Unterstützung einer groß angelegten Militäroperation hierher zu kommen. Stattdessen wechseln sich Gruppen junger Menschen aus der Nachbarschaft ab, sowohl Männer als auch Frauen, um hinter den Barrikaden Wache zu stehen, die sie an den Hauptstraßen gebaut haben. Ihre Gesichter sind durch gemusterte Schals verborgen, um ihre Identität zu schützen, doch ihre Aufregung und Entschlossenheit sind auch durch sie spürbar. Die alten Mütter aus der Nachbarschaft bringen ihnen regelmäßig Essen und alle anderen öffnen ihre Häuser, damit sie schlafen und sich ausruhen können, wann immer sie es brauchen.


Später in derselben Nacht kommen die jungen Leute alle zusammen und bilden eine einzige riesige Kolonne, während sie durch die Stadt marschieren. Während sie vorangehen, werden mehrere der Hauptstraßen vollständig eingenommen und für den Verkehr gesperrt. Sie tragen Steine und Molotowcocktails bei sich, die sie auf jedes Polizeiauto werfen, das es wagt, sich ihnen zu nähern. Über ihren Köpfen explodieren weitere Feuerwerkskörper, während eine elektrische Energie von Körper zu Körper fließt. In den kommenden Monaten werden viele von ihnen im Kampf fallen oder in die unmenschlichen Gefängnisse des türkischen Staates verschleppt werden. Aber heute Nacht gehören die Straßen ihnen. Den Jungen und Mutigen, die den Traum aller vorangegangenen Generationen in sich tragen. Heute Nacht ist dies ihr Viertel. Ihre Stadt. Ihr Land.


Auch ein Jahrzehnt später werden die Echos des Kampfes in Bakur nachhallen

Es ist der 15. August 2015 in der Stadt Cizre, die im Herzen von Botan liegt, einer der mehrheitlich von Kurd*innen bewohnten Regionen, die heute als Teil des türkischen Staates gelten. Nur wenige Tage zuvor hatten die Einwohner*innen dieser Stadt, zusammen mit denen von Städten wie Şirnexê, Amed und Nisêbîn, ihre autonome Selbstverwaltung ausgerufen. Dies geschah, nachdem jahrelange Verhandlungen mit dem türkischen Staat zu keiner friedlichen Lösung geführt hatten. Die Verhandlungen kamen zum Stillstand, als die Regierung den Verhandlungstisch verließ und ihre militärischen Angriffe wieder aufnahm. Obwohl die kurdischen Städte nicht die Absicht haben, sich von der Türkei abzuspalten, erklären sie mit diesem Schritt, dass sie die Autorität des Staates, über ihr Schicksal zu entscheiden, nicht länger anerkennen und dass sie die Kontrolle über ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Dieser Schritt zur Autonomie kam nicht aus dem Nichts. Er war das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung und Organisation im Anschluss an einen tiefgreifenden ideologischen Wandel innerhalb Kurdistans Freiheitsbewegung.


Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich die Bewegung von ihren marxistisch-leninistischen Ursprüngen und der Strategie der nationalen Befreiung entfernt, um die Strategie des Sozialismus der Demokratischen Gesellschaft zu übernehmen. Inspiriert von den Schriften des kurdischen Führers und politischen Gefangenen Abdullah Öcalan strebt sie nicht mehr danach, „den Staat zu erobern“, noch wartet sie darauf, dass dieser ihren Forderungen nachkommt. Aber sie versucht auch nicht, ihn sofort zu zerstören. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, die Gesellschaft außerhalb des Staates zu organisieren, die Fähigkeit der Gesellschaft zu stärken, für sich selbst zu sorgen, und den Menschen zu ermöglichen, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen und Probleme gemeinsam zu lösen. Sie interagieren zwar weiterhin mit den staatlichen Institutionen, tun dies jedoch nur dann, wenn dadurch der Spielraum für die Selbstorganisation der Gesellschaft erweitert wird.


Der Aufbau des kommunalen Systems

In Bakur (dem nördlichen Teil Kurdistans, der innerhalb der türkischen Grenze liegt) begann dieser Prozess im Jahr 2009 mit der Einrichtung von Räten auf Nachbarschafts-, Bezirks- und Stadtebene sowie mit der Gründung von Kommunen in den Dörfern. Darin trafen die Menschen Entscheidungen darüber, wie das Leben organisiert werden sollte, und arbeiteten mit Vertreter:innen politischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen zusammen. Sie teilten ihre Arbeit auf verschiedene Komitees auf, die sich um soziale, politische und ideologische Fragen kümmerten und andere, die sich mit Themen wie Justiz und Diplomatie beschäftigten. Darüber hinaus entstanden zahlreiche Projekte und Organisationen, um den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden: Arbeitergenossenschaften, künstlerische und pädagogische Initiativen sowie unabhängige Frauen- und Jugendorganisationen, um nur einige zu nennen.


Da die Befreiung der Frauen ein Grundprinzip der Bewegung ist, setzte sich die Bewegung dafür ein und organisierte sich so, dass Frauen die gleiche Teilhabe und Entscheidungsgewalt wie Männer erhielten, und diese Bemühungen gehören zu den größten Erfolgen. In diesem Zusammenhang wurde in allen Institutionen das System der Ko-Präsidentschaft eingeführt; dies bedeutete, dass jede Führungsposition gemeinsam von einem Mann und einer Frau eingenommen wurde. Daneben gaben die autonomen Frauenstrukturen den Frauen den Raum, ihre eigenen Perspektiven zu finden und ihre eigene Macht aufzubauen, außerhalb des Einflusses der Männer. Dies hat den Frauen große Stärke bei der Teilnahme an den gemischten Strukturen verliehen, um sich selbst und ihre Positionen kollektiv zu artikulieren.


Obwohl die massive staatliche Repression diesen Prozess erschwerte, sind die Ergebnisse deutlich spürbar, da ein großer Teil der Bevölkerung politisch und sozial aktiv wurde – sowohl im Zusammenleben untereinander als auch in ihren Gemeinden. Wann immer die Polizei in das Viertel kam, verbreitete sich die Nachricht schnell, und die Menschen mobilisierten sich, um ihr entgegenzutreten. Jedes Mal, wenn eine Einrichtung von der Polizei gestürmt und die Verantwortlichen verhaftet wurden, kamen am nächsten Tag mehr Menschen, um die Einrichtung wieder zu öffnen und ihre Arbeit fortzusetzen. Die Menschen rechneten damit, dass sie früher oder später im Gefängnis landen würden, und organisierten sich daher intern, um die Gefängnisse in politische Bildungsakademien zu verwandeln.


Eine der Hauptquellen für die Dynamik und Energie dieses Prozesses war die Jugendbewegung. Sie sind vor allem für ihre Rolle bei Protesten und Aktionen bekannt, aber sie übernahmen auch die Führung bei der Organisation von Aktionen zur Wiederbelebung der unterdrückten kurdischen Kultur, zur Selbstorganisation gegen die Aktivitäten von Drogendealern und kriminellen Banden in ihren Vierteln und zur politischen Selbstbildung. Die Jugend hatte ihre eigenen autonomen Räte, beteiligte sich aber auch an den allgemeinen Räten, um auf radikale Veränderungen und die Ausweitung der Revolution zu drängen.


Die moderne Pariser Kommune

Um den erbitterten Widerstand der kurdischen Jugend zu unterdrücken, entsandte der Staat die Armee in die Städte und zerstörte mit ihren Bomben und Panzern ganze Stadtviertel. Trotz allem leisteten einige dieser Jugendlichen weiterhin Widerstand und konnten unter den unaufhörlichen Angriffen des Staates monatelang weiterkämpfen. Auch wenn dies ein Rückschlag für die Selbstorganisation der Gesellschaft war, inspirieren die Beispiele von Menschen wie Şehîd Çiyager Hêvî, Şehîd Faraşîn Sidar und vielen anderen, die in diesem Kampf den Märtyrertod starben, heute eine neue Generation junger Menschen, das Erbe anzutreten und ihren Kampf fortzusetzen.


Und auch wenn diese spezielle Phase des Kampfes nun beendet sein mag, war das, was in Nordkurdistan geschah, eine Erfahrung der Selbstverwaltung des Volkes in einem Ausmaß, wie es im 21. Jahrhundert noch nie zuvor gesehen wurde. Denn obwohl die Rojava-Revolution bereits drei Jahre zuvor stattgefunden hatte, war die Situation in Bakur ganz anders. Der türkische Staat war nicht wie in Syrien zusammengebrochen, doch gelang es der Bewegung dennoch, durch mehr als 40 Jahre Organisierungsarbeit seine Legitimität langsam zu untergraben und, was noch wichtiger ist, eine echte Alternative dazu aufzubauen. Sie bewies, dass dieses Modell und diese Ideologie in einem modernen Kontext funktionieren können.


So wie die kurdische Bewegung als kleine Gruppe junger Menschen an den Universitäten begann, die ihre ideologische Tiefe mit der Militanz der Jugend verbanden, so sind auch die sozialen Kämpfe des 21. Jahrhunderts durch große Mobilisierungen junger Menschen in Zeiten sozialer Unruhen geprägt. Sie beschränken sich nicht mehr auf die Fabriken, vielmehr sind die Hauptschauplätze des Kampfes die öffentlichen Orte, die Plätze und die Städte. Doch es bleibt die Frage: Wie geht es weiter? Wie können wir diese vorübergehenden Ausbrüche in langfristigen Wandel überführen?


Hier kann uns die Erfahrung in Bakur einen Weg nach vorne aufzeigen. Während viele soziale Bewegungen gefangen sind zwischen der Notwendigkeit, konkrete Ziele zu erreichen und der Schwierigkeit, sich mit der Gewalt des Staates herumzuschlagen, ohne die eigenen sozialistischen Ideen und Ziele aufzugeben, konnte die Jugend in Bakur diese Zwickmühle zerbrechen. Auch wenn sie nicht jede Herausforderung vollständig bewältigen konnten, zeigen ihre Errungenschaften, dass dieser Weg den Menschen der jungen Generationen, die nach Licht in der Dunkelheit der heutigen Welt suchen, Hoffnung bieten kann. Heute geht der Kampf in Bakur und in jedem Teil Kurdistans weiter.


Jedes erbrachte Opfer bildet die Grundlage für neue ideologische und praktische Entwicklungen, die sich überall ausbreiten. So wie die Ereignisse der Pariser Kommune die Ära des „klassischen“ Sozialismus einläuteten, die bis zum Fall der Sowjetunion andauerte, so haben auch die „Bakur-Kommune“ und die Rojava-Revolution den Kampf für einen neuen Sozialismus im 21. Jahrhundert eingeleitet. Ein Sozialismus, der von den militanten Frauen und Jugendlichen aus aller Welt angeführt wird und sich überall dort ausbreitet, wo sie hingehen.

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