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Sozialismus ein Blick in die Vergangenheit, um unsere Zukunft Aufzubauen

  • vor 3 Stunden
  • 9 Min. Lesezeit

Matteo Garemi


‘‘Women preparing rice field in mud", Herbert Geddes
‘‘Women preparing rice field in mud", Herbert Geddes

Die Idee und Praxis des Sozialismus heutzutage sind unter Beschuss an allen Fronten. Über die Geschichte des Sozialismus zu lernen und zu diskutieren ist schwer. Auf der einen Seite versucht die liberale kulturelle Hegemonie uns davon abzuhalten, sie porträtiert Sozialist:innen als Monster, greift sozialistische Ideen und Praktiken direkt an oder versteckt sie vor der Öffentlichkeit. Andererseits haben wir die offizielle Geschichte des Realsozialismus, welcher mit großer Abwesenheit von Selbstkritik immer nach Gründen für sein Versagen und seine Fehler außerhalb seiner Selbst sucht.


“Wenn wir die Vergangenheit nicht richtig interpretieren können, können wir uns kein Bild von der Gegenwart machen und ohne uns ein Bild von der Gegenwart zu machen, können wir die Zukunft nicht verstehen.” [1]

Den Kontext und die Ideen, die den Sozialismus vorantrieben, zu verstehen, ohne in die oben genannten Tendenzen zu verfallen, ist wichtig für unsere Gegenwart und Zukunft.


Was sind die Ideen und Erfahrungen, welche die organisierte sozialistische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts hervorbrachten? Was waren die Hauptwidersprüche, die die Abtrennung und Spaltung in die Bewegung brachten? Was führte letztendlich zum Versagen der internationalistischen Ausdrücke des Sozialismus?


Sprechen wir über den Sozialismus, sprechen wir über das Erbe der historischen Gesellschaft und ihres Widerstands gegen Angriffe. Dieses Erbe ist der erste Ausdruck des Lebens und Kämpfens der großen Mehrheit der Menschen in der Geschichte; von der ersten Gesellschaft, die sich um Frauen herum organisierte als Mittel zur Selbstverteidigung und des Überlebens und die Kreativität des Menschen definierte, bis zum Ausdruck dieser Lebensart in den letzten Jahrtausenden in den Aufständen der Frauen, Jugendlichen und Arbeiter. Sozialismus ist kein Konzept der letzten 200 Jahre, sondern fließt durch die gesamte Geschichte der Menschheit.


Die Nationalen Revolutionen


Das Jahr 1848 spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung dessen, was als die “alten Regime” bezeichnet wurde. Dieser Prozess forderte die Macht der Monarchien zugunsten der Volksmassen heraus. In vielen Regionen Europas kam es im Zuge einer Welle des Nationalbewusstseins zu Aufständen, die von weiten Teilen der Gesellschaft unterstützt wurden und in unterschiedlichem Maße zur Verabschiedung von Verfassungen führten, die die politische Teilhabe in den damaligen Monarchien regelten. Diese Aufstände wurden als Frühling der Völker bezeichnet.


Wenn auch Marx und Engels diese Revolutionen später als bürgerliche betitelten und Marxist:innen sie später als notwendige Schritte zum Aufbau des Sozialismus betrachteten, gab es doch eine große Hoffnung, die in diesen Bewegungen vorhanden war, und es kam zur Gründung vieler Organisationen und zu zahlreichen Aufständen. Nicht zufällig begann zu dieser Zeit, 1847, der Aufbau der Kommunistischen Liga und die Veröffentlichung des Manifest der Kommunistischen Partei im Februar 1848 veröffentlicht. Damals bezog sich die weit verbreitete Antwort auf die Frage, warum diese Revolutionen scheiterten, auf die Organisation und das Bewusstsein der unterdrückten Menschen.


Die Kommunistische Liga, Marx und Engels


Die Kommunistische Liga wurde 1847 in London gegründet. Die Liga basierte auf einem klaren Grundsatz: Sie war die Repräsentation des Befreiungskampfes des Proletariats. Eine Klasse, die nicht immer existierte, sondern das Ergebnis der industriellen Revolution des 18 Jahrhunderts war. Die Liga wurde bald infiltriert und in Köln vor Gericht gezogen, woraufhin sie aufgelöst wurde.


Trotzdem würde das Kommunistische Manifest ein entscheidender Text für die nächsten Jahrhunderte werden und viele Mitglieder der Liga, wie auch Marx und Engels, setzen die Arbeit fort und bauten die im Manifest formulierten Ziele weiter aus.


Marx konzentrierte sich auf das Studium der neuen englischen „politischen Ökonomie“, um eine Kritik daran zu entwickeln, die in seinem berühmten Werk „Das Kapital“ mündete. Öcalan kritisiert Marx und den Marxismus für ihren übertriebenen ökonomischen Reduktionismus. Aufgrund der übermäßigen und fast ausschließlichen Konzentration auf die Funktionsweise der wirtschaftlichen Ausbeutung, konnte in der Analyse kein umfassenderes Bild der sozialen und politischen Probleme erreicht werden. Dies führte später durch Interpretationen von Marx’ Werk zu einer Praxis des Sozialismus, die auf dem Nationalstaat und dem Industrialismus basierte, die nach Öcalans Analyse zwei Säulen der kapitalistischen Moderne sind und nicht die Grundlage des Sozialismus bilden können.


Die Diskussionen in den Internationalen


Die erste Internationale, gegründet 1864, war ein Zusammenschluss von Bewegungen, Organisationen und Denkern, die sich mit der Frage der Lohnarbeit befassten. In den internen Diskussionen der Ersten Internationale war die Frage nach dem Nationalstaat zentral. Der Widerspruch, der als Diskussion über die im Kampf zu ergreifenden Maßnahmen begann, drehte sich um zwei unterschiedliche Ansätze. Der vorwiegend von Kommunisten vertretene Ansatz „Klasse gegen Klasse” bestand in einer Sichtweise der Geschichte als Kampf zwischen den Klassen und sah den Weg zum Sozialismus in der Befreiung des Proletariats, der unterdrückten Klasse, durch die Eroberung der Macht und die Beschlagnahmung der Produktionsmittel (vor allem der Fabriken) aus den Händen der Bourgeoisie, der unterdrückenden Klasse. Die Gegenseite der Debatte war der von Anarchisten vertretene Ansatz „Staat gegen unterdrückte Völker“. Dieser sah den Weg zum Sozialismus in der autonomen Organisation der unterdrückten Völker mit der Ablehnung und Abschaffung von Macht und Staat, welche nur als unterdrückerische Strukturen existieren.


Die Zweite Internationale wurde 1889 als Koordination von Organisationen gegründet, um zumindest koordinierte Strategien und Taktiken sowie gemeinsame Richtlinien zu entwickeln. Sie war ideologisch vom Marxismus dominiert, jedoch mit einigen internen Unterschieden, die zu Konflikten führten. Einer der Hauptkonflikte bestand zwischen Marxisten und Possibilisten, die sich für eine progressive Reform des Staates in Richtung Sozialismus einsetzten, anstatt für die Eroberung des Staates durch eine Revolution, wie es die Marxisten vorschlugen.


Die Zweite Internationale löste sich mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs auf. Obwohl die Internationale eine Organisierung mit dem Ziel der Überwindung von nationalstaatlichen Grenzen war, bestand sie aus nationalen Parteien, die sich auf diese Grenzen stützen.


Trotz Versuchen, eine Bewegung gegen den Krieg aufzubauen, mit wichtigen Analysebeiträgen über Imperialismus, spaltete das wachsende Klima der Konfrontation in Europa dieser Zeit die Internationale. Es wurden Sektionen zur Unterstützung der Entente (Großbritannien, Frankreich und Russland) und Sektionen zur Unterstützung der Allianz (Deutschland und Österreich-Ungarn) gegründet. Diese hingen von der Position des jeweiligen Nationalstaates ab und basierten auf der Logik „zuerst gewinnen wir den Krieg, dann bauen wir den Sozialismus auf“. Einige Kräfte innerhalb der Internationale gründeten hingegen die Zimmerwald-Bewegung und setzten damit die in den Vorjahren unternommenen Versuche fort, eine breitere Bewegung gegen den Krieg aufzubauen. Auch hier ist der Grund für die Auflösung der Zweiten Internationale die Tatsache, dass die an der Internationale beteiligten Organisationen letztlich auf nationalstaatlichen Werten aufgebaut waren und stark von diesen beeinflusst wurden, und dass dieses Problem erst angegangen wurde, als es bereits zu spät war.


Bemerkenswert in dieser Phase ist, dass die im Rahmen der Zweiten Internationale gegründete Frauenorganisierung “Internationaler Rat der Sozialistischen und Arbeiterorganisationen der Frauen“ nicht verschwand und sich während des Ersten Weltkriegs weiter traf, was eine andere Haltung und ein radikaleres Fundament der sozialistischen Frauen als der gemeinsamen Struktur zeigt und die kollektive Führungsrolle von Frauen im Kampf bestätigt.


Von den Sowjets zur Internationalen Revolution


Die Erfahrungen der Zimmerwald-Bewegung markierten auch den klaren Bruch zwischen den revolutionären Sozialisten unter Führung der Bolschewiki und den reformistischen Sozialisten. Aus diesem Widerspruch heraus entstand 1919, im Zuge der Oktoberrevolution und Lenins Aprilthesen, die Dritte Internationale, die Komintern. Die Bolschewiki entwickelten eine internationale Perspektive, um vor allem die Isolation der sowjetischen Revolution zu durchbrechen.


In der ersten Phase, bis zu Lenins Tod, war es das Ziel, die Oktoberrevolution nach Europa zu tragen, was jedoch mehrfach scheiterte und die Linie gegen sozialistische reformistische Parteien stärkte. In diesen Jahren entstanden in Europa aus Spaltungen sozialistischer Parteien verschiedene kommunistische Parteien, beispielsweise in Frankreich, Spanien, Italien und Belgien.


Nach Lenins Tod 1924 übernahm Stalin die Macht, was die Adaption der “Sozialismus ist ein Land”-Theorie bedeutete. In dieser Linie wurde die Kommunistische Partei zum Ausdruck der Sovjetunion in verschiedenen Ländern und, direkt damit verbunden, begann der stetige Zerfall der Sovjetunion. Als Stalin 1943 einen Kompromiss mit den Verbündeten des Zweiten Weltkrieges einging, wurde die Komintern aufgelöst: War es davor noch nicht klar, wurde mit dieser Tat die Bestrebung einer internationalen Revolution entgültig aufgegeben. Um das Scheitern der Dritten Internationalen zu verstehen, ist das Problem der Zentralisierung, wieder einmal verbunden mit der Mentalität des Staats, grundlegend.


Der Zusammenbruch der Sowjetunion sowie die begrenzten Ergebnisse verschiedener sozialistischer Experimente sind nicht auf externe Faktoren oder historische Ereignisse zurückzuführen, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Die Erfahrungen des Realsozialismus haben gezeigt, dass jeder, der heute auf dem Sozialismus bestehen will, die Fragen des Nationalstaats und des Industrialismus auf die richtige Weise angehen muss. Sonst wird jeder Kampf im Namen des Sozialismus zu einem homogenen dogmatischen Regime der Kontrolle über die Gesellschaft, das weit von seinen ursprünglichen Werten entfernt ist. Er wird unweigerlich das reproduzieren, gegen das er eigentlich kämpfen wollte.


Jenseits der Sowjetunion


Die Geschichte des Sozialismus im 20. Jahrhundert wurde nicht nur von den Erfahrungen der Sowjetunion bestimmt. Viele Bewegungen versuchten, eine sozialistische Perspektive zu entwickeln, die die Probleme und Unterdrückungsmaßnahmen der sowjetischen Erfahrungen überwinden sollte.


Weltweit eröffneten sich neue Horizonte, wie durch den Widerstand in Vietnam, durch Che Guevara in Abya Yala oder durch Amílcar Cabral in Afrika. Auf der Grundlage des Sozialismus nahm der Widerstand gegen die Kolonialherren in den kolonialisierten Ländern eine neue und organisierte Form an, es wurden neue Versuche nationaler Befreiungsbewegungen unternommen. Dies galt auch für Befreiungsbewegungen verschiedener „Nationen”, wie beispielsweise die Schwarze Befreiungsbewegung oder die Frauenbefreiungsbewegung.


Der Nachgang dieser Kämpfe explodierte im Jahre 1968 mit der kulturellen Jugendrevolution. Überall auf der Welt, gegenüber der Gewalt des kolonialen, patriarchalen und etatistischen System, erhob sich die Jugend durch Besetzungen, Demonstrationen und neuen Organisationen. In seiner Essenz war 1968 die Jugend, Frauen, Arbeiter und unterdrückte Völker, die die Initiative ergriffen.


Die 68er-Bewegung war der Funke, der neuem Feuer Leben gab: Von den feministischen und Frauenfreiheits-Bewegungen durch die Anti-Kriegs-Bewegungen bis zu den ökologischen Bewegungen floss ein neues Lebenselixier durch die Gesellschaft.


Mit den palästinensischen Camps im Südlebanon als internationales Zentrum wurden neue Bewegungen auf dem Geist dieser Jugendbewegung gegründet. Diese Bewegungen haderten mit der Trennung zwischen ihnen und der weiten Bevölkerung wie auch zwischen sich selbst auf globaler Ebene, Fragen zur Führung und einer gemeinsamen Strategie blieben unbeantwortet.


Das führte in manchen Fällen zu einem Verlust des gemeinsamen Bewusstseins zwischen den Ausdrücken des Sozialismus auf der ganzen Welt. In anderen Fällen trieb es aber dynamische Versuche an, die theoretischen und praktischen Hindernisse zu überwinden und auf dem Sozialismus zu bestehen. Ein Beispiel dafür ist die Zapatista-Bewegung, die seit dem Aufstand 1994 in Chiapas kämpft, um freie selbstregierte Gebiete auf der Basis des kommunalen Lebens aufzubauen.


Beispielhaft ist außerdem die kurdische Freiheitsbewegung, die als marxistisch-leninistische Befreiungsbewegung in der Blütezeit der 1968er Jugendrevolution geboren wurde und sich zur Haupttriebkraft des Sozialismus im Mittleren Ostens und der Welt entwickelte. Die Rojava-Revolution und die Erfahrung der Selbstverwaltung in Nordostsyrien zeigen jeder Gesellschaft dieser Welt ein Beispiel des freien kommunalen Lebens.


Perspektiven für die Gegenwart


Heute sind demokratische und soziale Kräfte gespalten, verbunden nur durch subtile und vorübergehende taktische Bindungen ohne gemeinsame Grundlage oder ein geeintes Bewusstsein. Diese Spaltung ist so tief, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben wird, ohne dass eine politische Diskussion zwischen verschiedenen Bewegungen und Kontexten stattfindet. In jeder Generation fühlen wir uns, als würden wir ganz von vorne beginnen.


In solch einer Zeit zeigt uns der Prozess, angeführt durch den Aufruf für Frieden und eine Demokratische Gesellschaft am 27. Februar 2025 durch Abdullah Öcalan, einen Weg heraus, eine Alternative. Er zeigt die Fähigkeit, die Vergangenheit zu analysieren, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Es ist eine Antwort auf die historischen Probleme der Gesellschaft und des Sozialismus, bietet eine andere Perspektive auf die Frage des Nationalstaates und des Industrialismus und schlägt eine Lösung durch die Kommune und die Öko-Ökonomie vor. Es ist eine Öffnung und ein Aufruf an alle demokratischen und sozialen Kräfte der Welt, die von der Macht auferlegten Spaltungen zu überwinden und eine demokratische Gesellschaft zu organisieren.


“Auf die Menschlichkeit zu bestehen, heißt auf den Sozialismus zu bestehen.”

Abdullah Öcalan


Denn die Essenz des Menschen ist es, sozial zu sein, die Stärke jedes Individuums ist, in der Gesellschaft zu sein und die Stärke der Gesellschaft in der Teilnahme jedes Indiviuums liegt. Wir müssen unsere Trennung überwinden und Teil einer Menschheit werden, die ihren Willen für das kommunale Leben erweckt und daher in die Tat umsetzt, einer Menschheit, die selbstständig denken, handeln und erschaffen kann. Das brauchen wir heute wie wir Wasser und Sonne brauchen, um das Leben fortzuführen und es zusammen aufzubauen. Indem wir das Bedürfnis nach einer Demokratischen Nation in unserer Geschichte und unseren Praktiken anerkennen, indem wir entscheiden, Teil davon zu sein und bewusst auf dieser Grundlage zu handeln, können wir Wege in die Freiheit finden.


Auf den Sozialismus zu bestehen heißt nicht automatisch, dogmatisch einer Doktin zu folgen oder in den Debatten der Vergangenheit zu leben. Es heißt, die historische Verantwortung zu übernehmen, die uns Millionen Menschen, ihr Leben im Streben nach Freiheit gebend, hinterließen. Es bedeutet, diesen Erfahrungen ihr Leben zurückzugeben, sie als lebendig in unseren Kämpfen zu verstehen, heute, als Erde auf der wir wachsen. Und es heißt, fähig zu sein auf dieser Ebene uns selbst, unsere Weltsicht und die Realität zu erschaffen, zu verändern und zu transformieren, nie stecken zu bleiben sondern immer einen Weg zu finden, die Probleme zu überwinden.


Abdullah Öcalan und die Freiheitsbewegung Kurdistans nehmen diese Verantwortung an. Die intellektuelle Verantwortung, Lösungen für die Probleme der Gesellschaft aufzuzeigen. Die moralische Verantwortung, soziale Beziehungen wiederaufzubauen. Die politische Verantwortung, kollektive Entscheidungen für die Gestaltung eines freien Lebens zu treffen.


Dieser Prozess ist ein offener Aufruf zum Dialog, um auf der Grundlage unseres gemeinsamen historischen Erbes und unserer aktuellen Standpunkte neue Beziehungen aufzubauen. Es ist ein Vorschlag, Kämpfe und Leben zu vereinen. Mit diesem Vorschlag in Dialog zu treten, ihn durch Erfahrungen, Wissen und Anstrengungen zu ergänzen, lässt Hoffnung und Leben in unsere Gesellschaften fließen!



[1] Aus Abdullah Öcalans Perspektive für den 12. PKK-Kongress

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