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Die Wurzeln des Sozialismus in der Mutterkultur

  • vor 18 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Sina Wegner

Gemeinschaftsforschungsgruppe des Netzes der Jineolojî in Deutschland


“Olivenbaumgöttin” von Ayshe Mira Yashin
“Olivenbaumgöttin” von Ayshe Mira Yashin

Der Sozialismus ist so alt wie die Menschheitsgeschichte“, schrieb Abdullah Öcalan in einem Brief zum 1. Mai 2000. In seinem neuen Manifest (2025) vertieft er diese These, in dem er schreibt, dass die Kommune das Grundelement des Sozialismus ist und der steinzeitliche Klan die erste Kommune darstellt. Diese entsteht um Mütter herum und ist von einer Kultur der Mütterlichkeit geprägt. Sie ist der Beginn der Gesellschaftswerdung, der Beginn der langen Tradition des kommunalen Lebens. Sie ist der Beginn des Widerspruches zwischen Kommune und Staat, der mit dem Aufkommen der ersten hierarchischen Strukturen entsteht. Somit können wir alle gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Lebensformen und Widerstände, die zum Erhalt dieser geleistet wurden, als in einer Linie stehend, der sozialistischen Tradition, begreifen.


Die Kämpfe indigener Gesellschaften, die sich gegen die Kolonisierung wehrten; die Lebensweise freiheitlicher religiöser Gemeinschaften oder die heimliche Weitergabe alten Wissens durch Frauen, die dafür als Hexen verbrannt wurden – in ihnen können wir Elemente des ununterbrochenen Widerstands der kommunalen Lebensweise erkennen. Auch wenn der Begriff „Sozialismus“ nur knappe dreihundert Jahre alt ist, können wir auf unserer Suche nach seinen Wurzeln bis zu den ersten Menschen zurück gehen.


Wir können zurück gehen bis an den Anfang unseres Daseins, zu den ersten Gesellschaftsformen und der Frage nach unserer Natur. Über diese wurde viel spekuliert und behauptet. Mit Thesen, wie der von Hobbes, dass der Naturzustand einem Krieg aller gegen alle glich, wurde erklärt, dass die Menschen nicht ohne einen Staat leben können, der sie zügelt und kontrolliert. Das Bild von der natürlichen Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau, was in Philosophie und Wissenschaft über Jahrtausende vertreten wurde, ist bis heute prägend. Dem müssen wir etwas entgegensetzen!


Menschen sind soziale Tiere


Wenn wir uns aber aktuelle Forschungsergebnisse anschauen, wird vor allem eines klar: Menschen sind von Grund auf soziale Wesen. Um überlebensfähig zu sein, haben wir von Anfang an in Gruppen gelebt. Dieses Zusammenleben war von Kooperation und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Die Funde aus der Shanidar-Höhle in Südkurdistan zeigen zum Beispiel, dass schon bei den Neanderthalern keinesfalls nur die Stärksten überlebten, sondern auch kranke und behinderte Gruppenmitglieder versorgt wurden. Im Bewusstsein der ersten Menschen war ein unabhängiges Individuum, wie es heute im neoliberalen Kapitalismus propagiert wird, undenkbar. Hingegen haben gerade die sozialen, kommunikativen Fähigkeiten, wie Empathie, Fürsorge und Zusammenarbeit, unsere Vorfahr:innen über Jahrhunderttausende überlebensfähig gemacht.


Die ersten komplexeren Kulturen brachten die Homo Sapiens – die Menschenart, die wir heute noch sind – ab vor ca. 100.000 Jahre in Afrika hervor. Als sie vor ca. 40.000 Jahren auch in Europa ankamen, schnitzen sie bereits Flöten und Figuren, ritzten und malten Symbole an Felswände, verewigten sich mit Handabdrücken und stellten Kleidung und Schmuck her. Dabei drehte sich vieles um die Themen Leben, Fruchtbarkeit und Tod.

Die magisch wirkende Fähigkeit von Müttern, neues Leben zu schaffen, wird dabei einen großen Eindruck auf sie gemacht haben. Ab 35.000 Jahren vor heute spiegelt sich dies in der Vielzahl weiblicher Symboliken, wie Vulven und nackten Frauenkörpern, mit ausgeformten Brüsten, Hüften und Bäuchen wieder. Diese sogenannten „Venusfiguren“, die über mehrere Jahrzehntausende hinweg und über Kontinente verteilt gefunden wurden, haben viele Diskussionen und Interpretationen angeregt. Natürlich sahen männliche Forscher in ihnen zu erst einmal Sex-Objekte. Heute werden sie als Symbole verstanden, die vermutlich eine große Rolle in der Spiritualität der Menschen spielten.


Die Mutterkultur und die erste Kommune


Die Mutter-Kind-Beziehung ist die erste im Leben eines jeden Menschen. Um ein Kind zu gebären und zu versorgen, braucht es eine Gruppe, die Mutter und Kind umgibt. Es liegt also nahe, das auch die ersten Menschengruppen sich um Mütter herum entwickelten. Frauen waren im Zentrum der ersten Kommunen. Während manche von ihnen mit auf Jagd gingen, hüteten andere das Feuer, sie erfanden Techniken zur Verarbeitung von Rohstoffen, gaben ihre Werte und Kultur an die Kinder weiter, sammelten Wissen über Pflanzen, Sterne, Geburt, Körper und Gesundheit und erzählten einander Geschichten am nächtlichen Feuer. Das Konzept von Vaterschaft tauchte erst viel später im menschlichen Bewusstsein auf. Die Verwandtschaftsbeziehungen anhand der Mutterlinie jedoch waren offensichtlich. Jedes Kind wusste, wer die eigene Mutter, die Mutter der Mutter, die Geschwister, Tanten und Onkel mütterlicherseits waren. So war auch die erste soziale Organisation an den Müttern orientiert.


Das Konzept der Mutter-Kind-Beziehung wurde auch auf die Beziehung der Menschen zur Natur übertragen. Bis heute wird sie an vielen Orten „Mutter Natur“ genannt. Die mütterliche Kultur, die wir deshalb als die erste Kultur der Menschen annehmen, ist eine, die von den Prinzipien der Fürsorge, des gegenseitigen Geben und Nehmens und von Liebe geprägt ist. Als eine Kultur ist sie nicht an die biologische Mutterschaft gebunden, sondern wird von allen Mitgliedern der Gemeinschaft verkörpert Erschaffen, Versorgen, Pflegen, Lieben, Schützen, Verteidigen und Nähren sind die grundlegenden Werte, die eine Kommune aufrecht erhalten. Sie ermöglichten unseren Vorfahren in der Klan-Gesellschaft über Jahrhunderttausende das Überleben. Ihre freiheitliche, egalitäre und kollektive Lebensweise können wir als erste Form der sozialistischen Kommune verstehen.


In allen weiteren Gesellschaften, die daraus hervorgingen, selbst nach dem Aufkommen staatlicher Strukturen vor mindestens fünftausend Jahren, in denen sich der Mann Stück für Stück über die Frau zu stellen begann, können wir die mütterliche Kultur und ihre Verteidigung durch Frauen erkennen. Unter Bedingungen von Unterdrückung und Versklavung gelang es Frauen dennoch, ihre Prinzipien des Lebens weiterzugeben. Die Hexenverfolgung zu Beginn der Neuzeit stellt für Europa dabei einen entscheidenden Bruch dar. In dem die Autonomie, die Wissensweitergabe und die Beziehungen von Frauen angegriffen wurden, brach das Rückgrat der Gesellschaft und die neue kapitalistische Lebensweise konnte ihr aufgezwungen werden.


Zu einem kommunalen sozialismus


Heute müssen wir uns in einer Welt zurecht finden, in der an die Stelle von Liebe häusliche Gewalt getreten ist. Mutterschaft wird in dieser Zeit zu einer Bürde, die mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist. Anstatt für einander zu sorgen, sollen wir immer auf den eignen Vorteil aus sein, uns in Konkurrenz zu einander setzen und uns für den Profit anderer die Seele aus dem Leib arbeiten. Anstatt Mutter Natur mit Respekt zu begegnen, werden unsere Lebensräume immer weiter zerstört. Die mütterliche Kultur wird in einem über Jahrtausende reichenden Prozess von der patriarchalen Konterrevolution immer weiter verdrängt und zerstört.


Um all dem etwas entgegenzusetzen und wieder eine kommunale Lebensweise aufzubauen, erforschen wir mit der Jineolojî unsere Geschichte als Frauen, die Tradition des kommunalen Lebens und die Werte der Mütterlichkeit darin. So schaffen wir eine Grundlage für den Aufbau eines neuen, kommunalen Sozialismus. Die Göttinnengeschichten der vorpatriarchalen Zeit kann uns dabei genau so inspirieren, wie die Widerstandsgeschichten der letzten fünf Jahrtausende. Wir können von noch heute gelebten matriarchalen Lebensweisen lernen und in unsere eigenen Biografien und Bewegungsgeschichten schauen. Wir können von Müttern, Großmüttern und jungen Frauen auf der ganzen Welt lernen, die jeden Gast in ihr Haus aufnehmen, sich furchtlos vor Panzer setzen, die in ihre Dörfer rollen und in aller Ruhe Samen in ihren Gärten pflanzen, die Soldaten zu Schlachtfeldern machen sollen. Wir müssen unseren Blick in die Zukunft richten und den Mut haben neue Wege zu finden, denn die Formen, für das, was wir schaffen wollen, hat niemand für uns bereit gelegt.

Um als junge Frauen Vorreiterinnen in diesem Prozess zu sein, müssen wir auch in uns selber nach den Spuren der mütterlichen Kultur und den Einflüssen der staatlichen, männlich-dominanten Mentalität graben. Wir müssen gemeinsam unsere Persönlichkeiten stärken, unsere Verbundenheit zur Gesellschaft und Natur, unsere Fähigkeit frei zu Denken und unseren Willen auszudrücken, wir müssen uns miteinander organisieren, uns dem Kampf bewusst sein, in dem wir uns befinden, und die Werte, die ein freies und gemeinschaftliches Leben ermöglichen, auf unsere eigene Weise ausdrücken und leben.


In dieser Zeit, in der wir uns befinden, scheint sich vieles schnell zu verändern. Große Chancen tun sich auf und großen Risiken blicken wir entgegen. Es ist Krieg, an so vielen Orten und auf so vielen Ebenen. Und gleichzeitig entsteht auch so viel Schönes und Hoffnunggebendes. Wir spüren die Aufregung, die schon so viele Herzen vor uns zum Flattern gebracht hat. Wir sind Teil einer neuen Phase, eines sehr langen und sehr alten Kampfes. Wir stehen in den Fußstapfen der ersten Frauen, die die Gesellschaft erschufen, derer, die sich gegen die ersten Angriffe des Patriarchats verteidigten, derer, die eingesperrt in den Mauern des Systems, ihre Werte nicht vergaßen, derer, die für sie auf die Barrikaden gingen, und derer, die ihr Leben im Kampf gaben.


Um ihre Träume wahr werden zu lassen und ein freies Leben für die, die nach uns kommen werden, zu erkämpfen, müssen wir ihre Geschichten kennen und die Hoffnung, die sie hatten, auch in uns am Leben halten. Dabei kann das tiefere Erforschen der Bedeutung der Kultur der Mütterlichkeit im kommunalen Leben uns eine Orientierung geben.

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