Der adauernde Aufstand
- 7. Mai
- 8 Min. Lesezeit
Mobilisierung in Organisation verwandeln durch die Kommune
Émile Marti

Der andauernde Aufstand: Mobilisierung in Organisation verwandeln durch die Kommune – Internationalistische Perspektive – April 2026September 2025, Nepal. Rauch, Tränengas, Schreie, fliegende Steine, kleine Gruppen junger Menschen versammeln sich und bilden eine gewaltige Menschenmenge. Eine mächtige Welle rollt auf den Präsidentenpalast zu. Das Tor wird schnell niedergerissen; einige schwenken die „One Piece“-Flagge, Menschen filmen, um diese Momente der Freude festzuhalten.
Ausgehend von Indonesien und Nepal im August 2025, dann weiter auf die Philippinen, Madagaskar, Marokko, Peru und Bulgarien, haben wir in den letzten Monaten eine neue Phase im globalen Jugendkampf erlebt. Die Medien – und die kämpfenden Jugendlichen selbst – haben von einem „Aufstand der Generation Z“ gesprochen. Wie können wir diese Aufstände verstehen? Welche Lehren können wir für die kommende Zeit ziehen?
Durch die Identität der Generation Z wird die heutige Jugend in den Medien als in der virtuellen Welt entfremdet, egoistisch und unpolitisch dargestellt. Auf diese Weise hofft das System, die Jugend zu neutralisieren, bevor sie überhaupt eine Bedrohung für seine Existenz darstellen kann. Das Ziel ist es, ihr revolutionäres Potenzial auszuschöpfen und eine gelähmte, befriedete Jugend zu schaffen, die unfähig ist, zu denken oder Veränderungen herbeizuführen. Der Kapitalismus versucht, uns zu domestizieren, damit er uns besser für seine eigenen Interessen ausbeuten kann, und reduziert unser Leben auf Studium, Arbeit und Produktion.
Das ist nichts Neues: Die Mächtigen haben schon immer versucht, die Jugend anzugreifen und auszubeuten, sie von früheren Generationen zu entfremden und ihren Kampf als illegitim darzustellen. Als Reaktion darauf hat sich die Jugend stets verteidigt und wird weiterhin revoltieren. Von Kathmandu bis Rabat sind junge Menschen in den letzten Monaten massiv auf die Straße gegangen, haben die Identität der kämpfenden Jugend zurückerobert und sie in eine kollektive, vereinigende Kraft verwandelt.
Chronologie einer neuen globalen Welle kämpfender Jugend
Im August 2018 ruft Greta Thunberg den Klimastreik aus. Innerhalb weniger Monate versammeln sich bei Demonstrationen Hunderttausende junger Menschen auf allen Kontinenten. Eine neue Generation geht auf die Straße und stellt das gesamte System in Frage. In den Jahren 2020 und 2022 lösen die Morde an George Floyd und Jina Amini Massenbewegungen aus, in denen die Jugend eine Vorreiterrolle spielt. Die Slogans dieser Aufstände – „Black Lives Matter“ und „Jin Jiyan Azadî“ – hallen bis heute nach.
Im Jahr 2022 zwingen die „Aragalaya“-Proteste („der Kampf“) den srilankischen Präsidenten Gotabaya Rajapaksa nach nur wenigen Wochen zur Flucht. Die Jugend revoltiert gegen ein System, in dem die Familieninteressen der Machthaber über das Gemeinwohl gestellt werden. Zwei Jahre später, im Juni 2024, erheben sich kenianische Jugendliche massiv gegen ein Finanzgesetz, das schließlich zurückgezogen wird. Gleichzeitig wird Bangladesch zum Epizentrum eines Jugendaufstands. Einige Monate später, im November 2024, entsteht in Serbien eine riesige Protestbewegung, angeführt von Studierenden.
Eine Welle, die von Asien bis nach Osteuropa rollt

Die jüngste und intensivste Phase beginnt jedoch im August 2025 in Indonesien. Diesmal geht die Bewegung vom ländlichen Raum aus, wo sich Gruppen von Landwirt:innen gegen eine Erhöhung der Grundsteuer mobilisieren. Zum ersten Mal wird die „One Piece“-Flagge als Symbol des Aufstands der „Generation Z“ gehisst. Auch wenn diese neue Phase des Kampfes in Indonesien beginnt, ist es Nepal, das ihr weltweite Aufmerksamkeit verschafft. Die Online-Kritik der Jugend an der Korruption der herrschenden Klasse hatte sich zu sehr ausgebreitet, sodass die Regierung beschließt, den Zugang zu den großen sozialen Netzwerken zu sperren. Das brachte das Fass zum Überlaufen.
Am 8. September gehen Studierende und junge Arbeiter*innen auf die Straße und bereits am nächsten Tag flieht der Präsident; Gebäude der Regierung und von großen Unternehmen werden in Brand gesetzt, der Präsidentenpalast wird gestürmt. Die Intensität des Aufstands breitet sich weit über Nepals Grenzen hinaus aus. In diesem Moment stellt sich für junge Menschen auf der ganzen Welt die Frage: „Wenn sie es in Nepal schaffen, warum sollten wir das hier nicht auch tun?“
Der schnelle Sieg in Nepal gibt der Jugend auf allen Kontinenten neues Selbstvertrauen und neue Kraft – einer Jugend, die das System vergeblich zu neutralisieren versucht hatte. In den folgenden Tagen gehen junge Menschen auf den Philippinen, in Timor-Leste, Madagaskar und Marokko auf die Straße. In den Monaten danach erreicht die Welle Südamerika mit Aufständen in Peru und Europa mit dem Sturz der Regierung in Bulgarien.
Warum lehnt sich die „Gen Z“ auf?
„Der Generationenkonflikt kann und muss im sozialen Konflikt gelöst werden; umgekehrt wird er so zu einem Faktor der Bewegung und des Fortschritts. Die jungen Generationen finden in der kollektiven Bewegung die Lösung für ihre Schwierigkeiten und indem sie sich für die Bewegung entscheiden, beschleunigen sie diese.“
Albert Memmi – Porträt der Kolonisierten, 1957.
Die Gen Z ist die am besten ausgebildete Generation, aber auch diejenige, die mit der höchsten Arbeitslosigkeit und Verschuldung konfrontiert ist. Als junge Menschen befinden wir uns in einer Lage, in der es unmöglich ist, die Gegenwart zu gestalten, und es ebenso unerreichbar erscheint, uns in die Zukunft zu projizieren. Klimakatastrophen und Krieg sind brutale Realitäten, die viele von uns direkt erleben. In den Ländern des Globalen Südens macht die Jugend den größten Teil der Bevölkerung aus: Das Durchschnittsalter in Kenia liegt bei 20 Jahren, in Nepal bei 25.
Früher gab das System vor, materiellen Komfort oder Anerkennung im Austausch für Ausbeutung zu bieten. Heute macht es sich nicht einmal mehr die Mühe, den Schein zu wahren: Es bietet der Jugend keine Antworten und keine Perspektiven. Vor allem im Süden erfolgt der einzige Kontakt zum Staat über dessen Bürokratie und militarisierte Polizei. Für diejenigen, die auf ein Leben in Würde bestehen, werden die Korruption staatlicher Institutionen und die Gewalt des Kapitalismus unerträglich.
Soziale Medien verstärken und beschleunigen die ausgeprägte Mobilisierungsfähigkeit der Jugend – eine Mobilisierung, die individuelle Wut in kollektive Straßenaktionen umwandelt. Über diese generationsspezifischen Merkmale hinaus ist der Aufstand der Gen Z der jüngste Ausdruck des fortwährenden historischen Kampfes der Jugend. Die Jugend ist der dynamischste Teil der Gesellschaft; sie hat schon immer eine Vorreiterrolle im sozialen Wandel gespielt. Jung zu sein ist eine Lebenseinstellung: alles hinterfragen, nach Freiheit streben, bereit sein, alles für die eigenen Ideen zu geben!
„Ein Leben ohne Prinzipien lässt einen altern. Jugend bedeutet zwangsläufig, dazu gezwungen zu sein, konsequent zu leben. Als ich ein Kind war, sagte ich: ‚Wenn man lebt, dann entweder frei oder gar nicht.‘ Ich lehnte ein Leben ohne Freiheit ab.“ ¹
Abdullah Öcalan
Zu überwindende Unzulänglichkeiten
Das Fehlen klarer, gemeinsam geteilter Ideen schwächt die Gen Z. Als neue Generation im Kampf müssen wir unser eigenes Modell eines alternativen Lebens entwickeln, wenn wir die kapitalistische Moderne wirklich überwinden wollen. Anarchismus, Feminismus, nationale Befreiungsbewegungen, Marxismus, Leninismus, Maoismus und frühere Episoden des Klassenkampfes haben eine äußerst wichtige Geschichte des Widerstands geschaffen. Als kämpfende Jugend brauchen wir jedoch ein Denken, das an das 21. Jahrhundert angepasst ist, um unsere Errungenschaften dauerhaft und nachhaltig zu machen.
Eine Vision, die auf Frauenbefreiung, Basisdemokratie, Ökologie und politischem Bewusstsein beruht, ist eine Notwendigkeit. Ohne die Lösung der patriarchalen Frage ist keine radikale Lösung möglich – denn das Patriarchat ist das Fundament, auf dem alle Machtsysteme aufgebaut sind. Angesichts des Zusammenbruchs der Lebenssysteme war ein ökologisches und gemeinschaftliches Paradigma noch nie so notwendig wie heute.
Eine kommunalistische Strategie, den Sieg zu sichern
„In der Vergangenheit wurde Widerstand geleistet, um die gegnerische Seite zu stürzen und an ihrer Stelle die eigene Herrschaft zu errichten. Heute jedoch geht der Aufbau dem Widerstand voraus. Wo immer die Möglichkeit besteht, findet der Aufbau sofort statt. Wenn es einen Angriff darauf gibt, verteidigt man sich, leistet Widerstand und kämpft, wenn nötig.“
Das Manifest der Jugend – Revolutionäre Jugendbewegung Kurdistans
Wie zur Zeit des Arabischen Frühlings 2011 sind die Aufstände der Generation Z spontan, und mangels einer Alternative kehren ähnliche Regime wie die gestürzten schnell an die Macht zurück. Die Politik verabscheut ein Vakuum. Bewegungen, die ihre Hoffnungen auf Veränderung ausschließlich auf den Staat setzen, werden schnell gekapert: Das kapitalistische System ist gut genug organisiert, um Regierungswechseln und Reformen standzuhalten. Die Situationen unter anderem in Nepal und Bangladesch zeigen das.
Andererseits ist es eine gefährliche Illusion zu glauben, man könne sich allein durch einen Aufstand vom Staat befreien. Die kommunalistische Strategie ebnet einen Weg zwischen diesen beiden Ansätzen. Weder eine totale Ablehnung des Staates noch falsche Hoffnungen: Im Mittelpunkt stehen die Gesellschaft und ihre demokratische Selbstverwaltung.
Der Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, der am 27. Februar 2025 von Abdullah Öcalan von der Gefängnisinsel İmralı aus initiiert wurde, ist eine lebendige Verkörperung dieses neuen Weges zur Emanzipation, der Völker weltweit inspirieren kann. Der Dialog mit dem türkischen Staat hat militärische Angriffe gestoppt und eröffnet neue Möglichkeiten des Kampfes, bei denen die Gesellschaft direkt in den Aufbau ihrer eigenen basisdemokratischen Selbstverwaltung einbezogen wird. Die Angriffe auf die Rojava-Revolution im Januar 2026 zeigen, welche Bedrohung diese Ideen in der Praxis für das hegemoniale System darstellen.
In Serbien ist die Wiederbelebung der Zborovi – demokratischer Basisversammlungen – neben Massenmobilisierungen ein wichtiges Beispiel.² Wenige Tage nach dem Sturz der Regierung verkündete „Gen Z Madagascar“ in ihrer Charta, dass „eine institutionelle Neugestaltung aus einer kollegialen Reflexion über ein neues System hervorgehen muss, das auf den Bedürfnissen und Bestrebungen der lokalen Gemeinschaften (fokontany/Gemeinden) basiert“, und dass ein neuer Gesellschaftsvertrag nach dem Prinzip der Fihavanana (madagassische Tradition der gemeinschaftlichen gegenseitigen Hilfe) entwickelt werden sollte.³
Ende Februar 2026 organisieren indonesische Jugendliche in Anknüpfung an die Aufstände der vergangenen Monate das Saba-Kampung-Festival unter dem Motto „Wiederbelebung der Gemeinde inmitten erzwungener Modernität“. Ihr erstes Ziel: „Wiederherstellung von Lebensräumen als ganzheitliche soziokulturelle Ökosysteme. Die Funktion des Dorfes als demokratischer Lebensraum wiederherstellen – nicht nur als geografischer Ort –, in dem soziale Beziehungen auf der Grundlage von Gotong Royong (gegenseitiger Hilfe), Musyawarah Mufakat (konsensorientierter Entscheidungsfindung) und Respekt vor Vielfalt (einer demokratischen Nation) aktiv gelebt werden.“ Das Festival soll zudem „als Labor für alternative Lebensformen für die Jugend“ dienen.
Wo immer möglich, können wir schon heute an der Basis damit beginnen, unsere neue Lebensweise durch einen Prozess der Kommunalisierung aufzubauen. Aufstände können die Geschichte beschleunigen, aber sie können nicht siegreich sein, ohne dass parallel dazu ein langsamer, kontinuierlicher Aufbau stattfindet. Wir sollten aufhören, unsere Forderungen nur an den Staat zu richten, und uns unserer eigenen Stärke als organisierte Gesellschaft wieder bewusst werden.
Perspektive für eine weltweite Jugendrevolution
In der griechischen Philosophie beschreibt Kairos den „kritischen Moment“, den Augenblick, den man erkennen und ergreifen muss, wenn er kommt. Er wird auch als kleiner fliegender Gott beschrieben: Wenn er an uns vorbeizieht, sehen wir ihn entweder nicht, sehen ihn und lassen ihn vorbeiziehen, oder wir ergreifen ihn und nutzen die Gelegenheit.
Das Jahr 2026 begann zeitgleich mit der Entführung von Nicolás Maduro in Venezuela und dem Beginn neuer Angriffe auf die Rojava-Revolution. Trump hat mit einer Invasion Grönlands und Kubas gedroht, und Macron erklärte kürzlich, die kommende Zeit werde „ein halbes Jahrhundert der Atomwaffen“ sein. Am 28. Februar begann eine neue militärische Operation der USA und Israels gegen das iranische Regime, die sich, während wir diese Zeilen schreiben, zu einem regionalen Krieg entwickelt, der alle Völker des Nahen Ostens betrifft. Mit den USA an der Spitze haben die westlichen Mächte ihre Absichten für das neue Jahr klar zum Ausdruck gebracht: eine Großoffensive gegen alle Kräfte – ob demokratisch oder autoritär – zu starten, die sich weigern, sich ihren imperialistischen Plänen zu unterwerfen.
Diese Situation zeugt nicht von ihrer Stärke, sondern spiegelt die existenzielle Krise wider, die das kapitalistische System durchläuft. Diese Angriffe zeigen auch ihre Angst angesichts des Widerstands der Völker. Der internationale Aufstand der „Gen Z“ hat einen neuen Kontext geschaffen: Zum ersten Mal seit 1968 sind sich kämpfende Jugendliche auf der ganzen Welt wieder bewusst, dass sie derselben Dynamik des Widerstands angehören; sie bekennen sich offen zu dieser Verbindung und machen sie zu einer Stärke.
Wir dürfen diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Die Idee eines weltweiten demokratischen Konföderalismus der Jugend kann dieses kollektive Jugendbewusstsein in eine organisierte Kraft verwandeln. Durch die Verbindung von basisdemokratischem Aufbau, dem Zusammenschluss aller bestehenden Initiativen zu einem alternativen System und dem Internationalismus unter der Jugend aller Kontinente können wir zu einer Kraft werden, die in der Lage ist, einzugreifen und dem andauernden Weltkrieg ein Ende zu setzen!
Quellen
2. Zborovi, demokratische Basisversammlungen, Serbien: https://berlinergazette.de/the-politics-of-zborovi-councils-direct-democracy-and-the-specters-of-revolution-in-the-balkans/
3. Gen Z Madagaskar Charta: https://drive.google.com/file/d/1f700Tl3kP7SnlNvxEXQwkasmrSJdHP0o/view


Kommentare