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Ein Alternatives Uganda

  • 3. März
  • 5 Min. Lesezeit

Den Kampf Rojavas als Vorbild nehmen für Autonomie und Freiheit von staatlicher Unterdrückung und imperialistischer Invasion.

Von Kemitooma, ugandische politische Exilantin.




Sarah ist eine Kämpferin der YPJ, der Frauenverteidigungseinheit der Selbstverteidigungskräfte Rojavas. Sarah kämpft an der Front und verteidigt Rojava mit Anmut und Stärke. Und dieser Kampf widerspricht nicht der femininen Ausstrahlung, die Sarah hat, sie ist schön und würdevoll. Vom ersten Moment unserer Begegnung an wollte ich Sarahs Geheimnis wissen, ich wollte wie sie sein. Sarah stellte mir Abdullah Öcalan und seine Gedanken und Schriften vor. Der Revolutionär wird liebevoll Apo genannt, das heißt “Onkel” auf Kurdisch. Er ist der Vordenker der Revolution in Kurdistan, die im Auge der türkischen Unterdrückung und der imperialistischen Invasion für Autonomie und Freiheit kämpft. Durch Sarah lernte ich auch das Konzept der Jineoloji kennen; eine Gesellschaft auf den Fundamenten der Kraft der Frau aufzubauen.


Das erste Mal, dass ich von Kurdistan hörte, war ich in der Highschool und gerade 17 Jahre alt. Unser Geschichtslehrer bezog sich in einer seiner Stunden auf das kurdische Volk. Er fragte uns, ob wir schon einmal von Kurdistan gehört haben - das hatte keiner. In dieser Stunde ging es um Gemeinschaften, die Unabhängigkeit und Autonomie von bestehenden Staaten angestrebt haben. Ich nahm mir vor, mehr über die Region zu recherchieren, tat dies aber nicht. 2024 hörte ich wieder von Kurdistan, und zwar als Sarah mir erklärte, wie man ein Video erstellt, um Apo bei seiner Forderung nach Freilassung von der türkischen Insel Imrali zu unterstützen. Dort ist er seit 1999 zu Unrecht inhaftiert!


Sarah betonte immer wieder, dass unser Video kreativ und unterhaltsam sein müsse. Ich verstand nicht, warum eine so militante Frau auf so etwas Banalem und Absurden bestand. Warum war es wichtig, wie unterhaltsam das Video werden würde, wenn wir uns mit einem so sensiblen und traurigen Thema wie der unrechtmäßigen Inhaftierung eines Revolutionärs befassten? Das klang in meinen Ohren nicht revolutionär. Dann wurde mir auf einmal bewusst, dass Sarah und ich im gleichen Alter waren. Sarah ist eine junge Frau, aber mit einer gefestigten Persönlichkeit. Spaß und Kreativität machten ihre starke Persönlichkeit nicht weniger bewundernswert. So kam es dass das Video das Sarah und ich gemeinsam gedreht haben, lustig und kreativ wurde. Diese Erfahrung war augenöffnend für mich und zeigte mir dass die Möglichkeiten, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielfältig sind.

Meine Generation ist die Hashtag-Generation. Wir wissen, wie man Hashtags benutzt, und wir können erfolgreiche Social-Media-Kampagnen fahren. Meine Generation weiß, wie man Plakate designt und wie man friedlich gegen Ungerechtigkeit und staatliche Repression demonstriert – aber wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, können wir Sarah werden? Als ich die Revolution in Rojava verfolgte und von ihr lernte, kam ich zu der Erkenntnis, dass jedes Volk jegliche Mittel der Verteidigung ergreifen kann, um zu überleben und sich selbst zu erhalten. Ich lernte von Sarahs Anmut und Schönheit, dass dieselben Hände, mit denen ich meine Lippen nachziehe, um meinen Lippenstift aufzutragen, auch dazu dienen können, für die Gerechtigkeit meines Volkes zu kämpfen, wenn man mich zu weit treibt.


Vor dem Kolonialismus gab es kein Uganda. Uganda war eine Schöpfung des britischen Imperialismus, um die Kontrolle über den neu gegründeten Staat auch lange nach der Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Mein Volk lebte in vielfältigen Gesellschaften; einige waren staatenlos wie das Volk der Kiga, während andere wie die Ganda sich in stark zentralisierten Königreichen mit einzigartigen und hochentwickelten politischen Systemen organisiert hatten. Mein Volk kämpfte mit seinen unterschiedlichen Fähigkeiten hart, um sich von den Briten zu befreien, obwohl der angerichtete Schaden so groß war, dass eine Rückkehr zu den ursprünglichen Verhältnissen nahezu unmöglich war. Ein Gebilde namens Uganda entstand, und die meisten früheren Gesellschaften waren durch die britische Unterdrückung so sehr geschwächt, dass sie sich vor dem neuen Staat beugen und niederknien mussten.


Der Staat namens Uganda wurde von den meisten angenommen, und ein Volk namens Ugander entstand. Ich bin eine der Uganderinnen, die sich auch sechs Jahrzehnte nach seiner Gründung noch immer schwer tun, sich mit der neuen Situation abzufinden. Ich bin nicht allein: Die Menschen des Königreichs Buganda, einer der mächtigsten politischen Gesellschaften, aus der der Name Uganda hervorgegangen ist, haben Vorbehalte gegenüber dem neuen Staat. Das Volk der Baganda, das Vorbehalte gegenüber dem neuen Staat hat, schlug die Idee eines föderalen Regierungssystems vor, obwohl diese Idee größtenteils auf taube Ohren gestoßen ist. Unter anderem sollte das föderale Regierungssystem den verschiedenen Gemeinschaften und Identitäten in Uganda die Freiheit geben, zu existieren, ohne in die staatliche Identität und Verwirrung assimiliert zu werden.


Wenn ein Staat nicht mehr funktionsfähig ist, schafft man eine Alternative. Die Menschen in Rojava haben eine Alternative geschaffen: die Demokratische Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES). Die DAANES rebellierte gegen traditionelle hierarchische Strukturen, um demokratische Gemeinderäte und Vertreter zu schaffen, die sowohl als soziale als auch als politische Struktur für Selbstverwaltung und Selbstständigkeit gegen staatliche Unterdrückung und imperialistische Invasion fungieren. Ich bin eine Verfechterin eines alternativen Ugandas, das unabhängig ist vom mörderischen Uganda des Diktators Museveni[1].


Die jungen Menschen träumen von einer Kultur, die sich unterscheidet von der Musevenismus-Kultur, die ihre eigenen Bürger entmenschlicht und tötet - von der Musevenismus-Kultur der Straflosigkeit. Wir jungen Menschen setzen uns für eine Kultur ein, die die Menschenwürde und die Menschenrechte achtet. Wir weigern uns, als Enkelkinder eines kaputten Systems bezeichnet zu werden. Wir sehnen uns nach einer Kultur, die ihre Menschen fördert und sie nicht ins Exil treibt, wenn es nicht genug Lehrer gibt, um die Kinder zu unterrichten, und nicht genug Ärzte, um die Kranken zu behandeln. Eine alternative Kultur, ein alternatives Uganda.


Die jungen Menschen sehnen sich danach, so lustig und kreativ zu sein wie Sarah von der YPJ! Die jungen Menschen wollen sich auf TikTok ausdrücken können und nicht wie Edward Awebwa ins Gefängnis gesteckt werden, ein 24-jähriger TikToker, der derzeit eine sechsjährige Haftstrafe in einem ugandischen Gefängnis verbüßt, weil er den Präsidenten beleidigt haben soll. Edward Awebwas Verbrechen bestand darin, ein anderes Uganda zu fordern. Die jungen Menschen wollen zu Musik tanzen und Lieder über Freiheit und Liebe singen. Die jungen Menschen wollen nicht in ständiger Angst leben und darauf warten, dass die nächste Drohne sie wegen eines lustigen, unterhaltsamen Videos, das sie in den sozialen Medien gepostet haben, abholt. Der Diktator ist nicht zu Humor fähig. Der Diktator ist sadistisch, aber wir sind jung, wir haben Spaß und wir sind die Zukunft. Wir weigern uns, unser Leben in Angst zu verbringen. Wir werden ein alternatives Uganda schaffen und wir werden tanzen und singen für Freiheit, Frieden, Gleichheit und Zusammengehörigkeit.


Wir sind uns der schweren Last bewusst, die auf uns liegt, aber wir sind auch eine ausdrucksstarke Generation, die sich nicht knebeln lässt. Um uns selbst zu schützen, sind wir bereit, alle Mittel einzusetzen, um einen Diktator zu beseitigen, der uns nicht erlaubt, unsere Meinungsfreiheit in Frieden auszuüben. Abdullah Öcalan schrieb einmal: „Ein Revolutionär, der keinen Hass und keine Wut auf den Feind empfindet, muss uns misstrauisch machen.“[2] Die Menschen in Rojava hassten Unterdrückung und Diskriminierung so sehr, dass der Hass ihre Liebe zum Komfort überwältigte. Hass nicht als emotionaler Ausbruch, sondern als revolutionäres Werkzeug, um Veränderungen herbeizuführen. Können die Ugander Ungerechtigkeit so sehr hassen, dass ihr Hass auf Ungerechtigkeit ihre Liebe zu den reichlich vorhandenen ugandischen Lebensmitteln übertrumpft?


Meine Bitte an die jungen Menschen in Uganda ist, Mut zu zeigen. Diejenigen, die gegen die kolonialistische Invasion gekämpft haben, hatten immer noch zu essen. Seitdem hat sich in Uganda nicht viel geändert. Es gab Lebensmittel und es wird auch weiterhin Lebensmittel in unserem Land geben. Lasst uns den Mut, die Kraft und den revolutionären Geist aufbringen, selbst zu hungern, um eine gerechtere Gesellschaft ohne Straflosigkeit zu erreichen. Möge unsere Liebe zu unserem Heimatland unsere angeborenen Ängste überwinden. Mögen wir so sehr an ihren Erfolg und ihre Entwicklung glauben, dass wir bereit sind, alles, was wir besitzen, zu opfern, um sie von einem repressiven System zu befreien, das unsere Freiheit unterdrückt.


Wir sind die Generation, die Spaß hat. Wir sind die Generation, die sich nicht unterwerfen lässt. Wir sind der Widerstand!



[1] Yoweri Museveni ist seit 1986 ununterbrochen Präsident von Uganda.

[2] Die Frage der Persönlichkeit in Kurdistan, die militante Persönlichkeit und das Parteileben, Abdullah Öcalan, 1985

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