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Rojava: Ist die Revolution vorbei?

  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit

Die Januar-Offensive gegen Nordostsyrien verstehen



In Nordostsyrien versuchten sie eine Art des Lebens auf der Welt zu vernichten.

Der Januar 2026 war gezeichnet von den Angriffen von noch nie dagewesener Intensität gegen das, was international als “die Rojava-Revolution” bekannt wurde. Diese hauptsächlich kurdisch bewohnte Region in Nordostsyrien erlebte 2012 das Aufkommen einer Revolution, die auf Frauenbefreiung, Ökologie und der Koexistenz der Völker in einem System der Basisdemokratie aufbaute. Dieses Experiment des Demokratischen Konföderalismus[1] wurde auch auf einige arabische Regionen ausgeweitet und wurde in Autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens umbenannt (englischer Name: Autonomous Administration of North and East Syria (AANES)).

 

Für viele repräsentiert Rojava einen Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit des kollabierenden kapitalistischen Systems. Rojava und Chiapas sind die lebendigen Beweise dafür, dass eine andere Welt möglich ist, dass es Arten des Lebens und dem Aufbau von Gesellschaft außerhalb des patriarchalen, staatlichen und kapitalistischen  Systems gibt. Die Revolution von Rojava wird auch die Frauenrevolution genannt, denn dort entstand eines der radikalsten Experimente der Frauenbefreiung und -emanzipation. Und gegen all dies haben die Kräfte der kapitalistischen Moderne die größten Angriffe koordiniert, die jemals gegen die AANES geführt wurden. Diese Angriffe sind mehr als nur eine Militäroffensive, denn sie sind in erster Linie Angriffe auf eine Art und Weise auf der Welt zu wohnen - kommunal und gegen alle Formen patriarchaler Herrschaft – in der Leben eng mit dem Land verbunden ist. Durch den Versuch, eines der herausragendsten revolutionären Experimente des 21. Jahrhunderts zu zerstören, versuchten die imperialistischen Kräfte das Narrativ zu verbreiten: “Diejenigen, die die kapitalistische Lebensweise ablehnen, werden vernichtet werden.”

 

Innerhalb eines Monats wurden hunderte Zivilist:innen massakriert, Hundertausende mehr wurden erneut vertrieben und zahlreiche Kriegsverbrechen wurden begangen, vor allem gegenüber Frauen.[2]In Aleppo wurden hunderte Entführungen, Akte der Folter und Fälle von Plünderungen dokumentiert. Diese Angriffe von seltener Intensität wurden von HTS[3] begangen von denen einige keinen Hehl aus ihren Verbindungen zun IS (Daesh) machten.


Die Beteiligung der Türkei in dieser Offensive wurde auch bestätigt, vor allem durch mehrere Kamikaze-Drohnenschläge in Aleppo, Hesekê und Qamişlo. Gleichzeitig wurden mehrere Gefängnisse unter SDF-Kontrolle[4],  in denen Daesh-Kämpfer und Familien festgehalten wurden, durch die HTS angegriffen und zurückerobert, während die Internationale Anti-IS-Koalition mitschuldig schwieg. Dies führte zu Massenausbrüchen und Freilassungen.

 

Gleichzeitig wurde diese Angriffe aber auch auch mit beträchtlichem Widerstand beantwortet. Seit den allerersten Angriffen gegen Aleppo am 6. Januar mobilisierte die Bevölkerung massenhaft. In jeder Nachbarschaft organisierten sich die Leute. Diejenigen, die konnten, griffen zu den Waffen und wurden Wachposten. Andere bereiteten Essen für Kämper:innen zu. Aus Bakur, Başur und Rojhilat[5] wurden Hunderte junger Kurd*innen mobilisiert, die Grenzübergänge überwanden, um sich dem Widerstand in Rojava anzuschließen. Weltweit wurden Solidaritätsinitiativen gestartet. Von Kolumbien nach Papua, von Deutschland nach Kenia, überall wurde mobilisiert. Eine große “People’s Caravan”[6] brachte über Hundert junge Menschen aus Europa zusammen, die sich über Nacht dazu entschieden, sich auf den Weg zu machen und dem Widerstand in Rojava beizutreten. Nachdem ein Video veröffentlicht worden war, das einen dschihadistischen Söldner zeigt, wie er den abgeschnittenen Zopf einer YPJ-Kämperin als Kriegstrophäe präsentiert, taten sich Frauen weltweit zusammen und sie flochten einander Zöpfe, als wollten sie den kurdischen Kämpferinnen verkünden: “Wir sind vereint, unser Kampf ist ein geteilter; mit jedem Angriff gegen euch wird die Frauenrevolution wachsen.”

 

Seit dem 29. Januar ist ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der AANES und der syrischen Übergangsregierung in Kraft.[7] Dieses Abkommen hatte einen hohen Preis. Die Selbstverwaltung war gezwungen, mehrere Territorien abzutreten, die seitdem zurück unter der Kontrolle der syrischen Armee sind. Dieses Abkommen war, obwohl es bei Weitem nicht ideal war, trotzdem ein nützlicher Kompromiss, der ein ausgedehntes Massaker, wie es die gewaltvollen Angriffe auf Aleppo im frühen Januar vermuten ließen, verhinderte. Dank des Drucks durch kurdische Menschen und internationalistischer Unterstützung aus der ganzen Welt wurden verschiedene kleine Siege im Abkommen festgehalten, so zum Beispiel das Versprechen der Rückkehr hunderttausender vertriebener Personen und der Rückzug der Türkei aus den besetzten Gebieten in der Region um Aleppo. Während die Institutionen der Autonomen Selbstverwaltung offiziell in den syrischen Staat eingegliedert werden, werden die Brigaden der SDF als Einheiten eingegliedert werden, was bedeutet, dass sie ihre bisherige Struktur und ihre autonome Anweisung behalten. Die Schwierigkeit dieses Abkommens ist nun, sicherzustellen, dass der Kampf nicht geschwächt wird, dass es die Verteilung der Macht erlaubt, die Errungenschaften der Revolution zu bewahren und weiter zu verfestigen.


Ein Plan der internationalen Kräfte

Dies sind die Fakten. Es ist jedoch unmöglich, die Angriffe gegen das revolutionäre Experiment in Nordostsyrien zu verstehen, ohne vorher einen Schritt zurück zu gehen. Durch einen Blick auf die Pläne der imperialistischen Mächte können wir verstehen, dass die Angriffe gegen Völker überall auf der Welt – von Kurdistan nach Palästina und von Abya Yala in die Ukraine – lediglich das Ergebnis derselben Politik sind. Daher müssen wir zuerst 100 Jahre zurück gehen, in eine Zeit, in der die imperialistischen Mächte – und vor allem Frankreich und England – den Mittleren Osten nach dem 1. Weltkrieg unter sich aufteilten. In einer Gegend, in der ein Mosaik an Völkern und Glaubensrichtungen während des Osmanischen Reichs mit relativer Autonomie koexistiert hatte, zeichneten die westlichen Mächte Grenzen, die den Mittleren Osten in ein Chaos stürzten, das bis heute andauert. Stück für Stück entwickelten sich Nationalstaaten wie sie ein Jahrhundert früher in Europa konzipiert und aufgebaut wurden, basierend auf dem zentralisierenden Prinzip von “einer Nation, einer Sprache, einer Flagge”.

 

Der Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 im Speziellen, der das Osmanische Reich in zwischen den europäischen Mächten aufgeteilte Einflusssphären spaltete, wies Kurdistan vier Nationalstaaten zu: Syrien, Irak, Iran und Türkei. Je nach Land bedeutete Kurdisch-Sein seitdem das Risiko der Vernichtung oder den Zwang zur kulturellen Assimilation. Der Kampf war nötig, um grenzüberschreitend eine transnationale kurdische Identität, die Einheit aufbauen will, geltend zu machen.

 

Mit dem Kollaps des Ostblocks und dem Golfkrieg in den frühen 1990er Jahren, great der Kapitalismus in eine neue Phase der intensiven Krise. Die imperialistischen Mächte begannen einen neuen Prozess, der neue Machtverhältnisse schaffen sollte. Dadurch begann ein neuer globaler Konflikt, den die kurdische Freiheitsbewegung den dritten Weltkrieg nennt. Dieser Krieg, der mit der Logik der beiden distinkten Blöcke der vergangenen Kriege bricht, ist durch sich ständig verschiebende Allianzen, je nach Umständen und Interessen, geprägt. Das Ziel ist nicht mehr die totale Vernichtung der Gegner, sondern das Ringen darum, die neue Hegemonialmacht zu werden.

 

In diesem Konflikt, in dem die alten Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt wurden, findet sich der Mittlere Osten im Zentrum dieser Zusammenstöße wieder. Die Strategie des Westens für die Aufrechterhaltung seiner Dominanz über die Region hat sich geändert. Mit der Finanzialisierung des Kapitalismus ist das Modell der Nationalstaaten basierend auf einer nationalen Marktwirtschaft, wie es sich ursprünglich ausgedacht wurde, nicht mehr ausreichend. Dies ist der Grund, wieso westliche Mächte, angeführt von den USA und Israel, daran arbeiten, die Region nach ihren Interessen umzugestalten.

 

Daher sind aktuell zwei sich gegenüberstehende Kräften im Mittleren Osten aktiv. Auf der einen Seite versuchen die westlichen Mächte, die aktuellen Machtverhältnisse zu stören, um sich die Kontrolle über die Ressourcen und Handelsrouten der Region zu sichern. Ihnen gegenüber stehen konservative Staaten wie der Iran oder die Türkei, die versuchen, den Status Quo der traditionellen Nationalstaaten aufrechtzuerhalten; sie wollen also ihren regionalen Einfluss schützen und sich gleichzeitig einer Integration in die neue kapitalistische Weltordnung verweigern. Sie versuchen, ihre geopolitische Autonomie durch ihre eigenen imperialistischen Projekte in der Region zu sichern. Das ist vor allem der Fall beim Projekt eines neo-osmanischen Reichs im Falle der Türkei und dem Schiitischen Halbmond und der sogenannten Achse des Widerstands im Falle des Iran.

Die Eskalation des Genozids gegen das palästinensische Volk, die am 7. Oktober 2023 begann, kennzeichnet eine neue Phase im Krieg im Mittleren Osten. Dies setzte eine Reihe von Entwicklungen in Gange, die bis heute andauern, bei dem westliche Kräfte versuchen, den iranisch dominierten schiitischen Halbmond zu zerstören. Ihrer blutrünstigen Strategie um ihre Ziele zu erreichen steht keine ethische Barriere oder internationales Recht im Weg. Von dort an begannen die Angriffe auf mit dem Iran verbundene Kräfte wie die Hamas in Palästina, die Hisbollah im Libanon, die Houthis im Jemen und die aktuelle Offensive in Syrien. Im Falle der Invasion Nordostsyriens steht anderes auf dem Spiel. Weder dem westlichen amerikanisch-israelischen Imperialismus in die Hände spielend, noch der sogenannten “Achse des Widerstands”, welche vom Iran und seinen Milizen in benachbarten Ländern geführt wird, schlägt der “Demokratische Konföderalismus” in Nordostsyrien einen dritten Weg vor, ein Weg der nicht den Interessen von Staaten sondern den Interessen der Menschen folgt. Menschen, die sich durch das Überwinden des Nationalismus und der Ablehnung patriarchaler Herrschaft organisieren.

 

Wir können die aktuellen Entwicklungen in Syrien nur dann gut analysieren, wenn wir sie im Kontext des Dritten Weltkriegs im Mittleren Osten verstehen.  Am 8.Dezember 2024 kollabierte das Ba’ath Regime. Nach 50 Jahren der Diktatur, Massaker und Masseninhaftierungen hatte das Volk endlich einmal die Chance ein wenig durchzuatmen. Mit jeder Statue von Al-Assad, die zu Fall gebracht wurde, blühte neue Hoffnung auf. Ein Jahr später jedoch war es die Statue der arabischen Kämpferin Rojbîn Ereb, die in Tabqa nach dem Sturz des Daesh aufgestellt wurde, die von Milizen der “Übergangsregierung” der HTS[8] zerstört wurde. Seit Al-Sharaa mit dieser Regierung an die Macht kam, verübten sie mehrere Massaker gegen drusische und alawitische Communities. Damit enthüllten sie schon nach kurzer Zeit ihre wahren Intentionen: die Kontrolle über Syrien basierend auf einer tief patriarchalen, intoleranten und anti-demokratischen Ideologie zurückzugewinnen.

 

Aber dieses Mal hat sich die Haltung des Westens dazu bedeutend verändert. Die HTS ist eine Gruppe, die sich von Al-Quaida abgespalten hat und die deshalb seit Jahren von der internationalen Öffentlichkeit als Terrororganisation eingestuft wurde. Jetzt wurde die HTS von den USA und von Großbritannien von der Liste der Terrororganisationen gestrichen. Aber warum dieser Umschwung? Die HTS hat sich letztendlich als ein strategischer Partner für den Westen bewiesen. Denn mit ihr kann er seine Offensive gegen den Schiitischen Halbmond fortfahren – anders als mit den SDF, die immer abgelehnt hatten, als Söldner für die USA zu dienen.

 

Am 5. und 6. Januar fanden in Paris Verhandlungen zwischen Hamas und Israel unter der Federführung der USA statt. Die HTS, auf einer Linie mit der Türkei und ihren Plänen, ließ die israelische Besatzung Süd-West Syriens unkommentiert, während Israel und die internationale Koalition unter US-Führung ihnen zusicherten, dass sie bei einer Invasion der DAANES nicht intervenieren würden. Es war also ein groß angelegter, international koordinierter Plan, der dem revolutionären Experiment in Nord- und Ostsyrien ein Ende bereiten sollte. Ohne das Waffenstillstandsabkommen vom 29.Januar, das durch dem entschlossenen Widerstand der Bevölkerung erwirkt wurde, wäre dem kurdischen Volk wahrscheinlich ein Genozid bevorgestanden.

 

Zusätzlich zu ihrer genozidialen Natur hatten die Angriffe das spezifische Ziel die Beziehungen zwischen Kurd:innen und Araber:innen zu untergraben – ganz nach dem Prinzip “Teile und Herrsche”. Für die USA, Israel und ihre Verbündeten ist es umso einfacher, die Region nach ihrem Ermessen zu gestalten und kontrollieren, je weniger vereint die Völker sind. Der Türkische Geheimdienst (MIT) spielte zu Beginn der Angriffe eine besonders wichtige Rolle darin, dass sich arabische Stämme von der SDF abgewendet haben.[1] Es gab Pläne einen großen Konflikt zwischen der kurdischen und der arabischen Bevölkerung auszulösen. Diesen Plan zu vereiteln war die Motivation hinter der raschen Entscheidung der SDF, sich aus den arabischen Gebieten zurückzuziehen. Auch heute noch ist das Bestreben der imperialistischen Mächte, die Völker zu spalten, deutlich erkennbar, vor allem in den Medien. Vor diesem Hintergrund stellt das im Rahmen der DAANES erprobte Projekt der “demokratischen Nation”, also das Zusammenleben der Völker, trotz aller in der Praxis auftretenden Schwierigkeiten, eine zentrale Achse des Kampfes für die Autonomie aller Völker dar. Aus dieser Perspektive ist ein internationaler Kampf der die Verbindungen zwischen den Kämpfen der Völer anerkennt und die von der kapitalistischen Moderne gestellten nationalistischen Fallen überwindet, existentiell.

 

Die Rolle Abdullah Öcalans[10]

 

Abdullah Öcalan, der Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung, spielte eine entscheidende Rolle im Erreichen des Waffenstillstands. Seit 27 Jahren wird er vom türkischen Staat auf der Gefängnisinsel Imrali gefangen gehalten. Möglich gemacht wurde das durch einen internationalen Komplott von 25 Staaten, insbesondere den Geheimdiensten der USA und Israel. Seit mehreren Monaten hatte Abdullah Öcalan vor dem Entstehen “50 neuer Gazas” im mittleren Osten gewarnt, wenn keine Lösung für die kurdische Frage gefunden wird. Deshalb schlug er ein diplomatisches Treffen zwischen der Türkei, DAANES, HTS, USA und Frankreich und einer ihn selbst repräsentierenden Delegation vor. Das Treffen fand in Rojava statt und setzte den Grundstein für das Abkommen vom 29.Januar, in dem die roten Linien der kurdischen Freiheitsbewegung bezüglich Selbstverwaltung, dem Recht des Volkes auf Selbstverteidigung und dem Recht auf Sprache und Bildung gesichert wurden.

 

Etwas weiter gefasst ist dieses Abkommen Teil eines größeren Friedensprozesses, der von Abdullah Öcalan am 27.Februar 2025 initiiert wurde. Nach 40 Jahren des bewaffneten Kampfes und als Antwort auf Öcalans Aufruf, löste sich die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) offiziell auf und beendete ihre Strategie des bewaffneten Kampfes. Öcalan bewies die Notwendigkeit, die Strategie der kurdischen Freiheitsbewegung innerhalb des Paradigma der demokratischen Moderne neu zu denken. Dabei leugnete er nicht, welch bedeutende Rolle die PKK für die Anerkennung des kurdischen Volkes und der Tausenden Märtyrer:innen in der Vergangenheit gespielt hatte.. 

 

Daraufhin begann ein neuer Prozess: der Prozess für „Frieden und eine demokratische Gesellschaft“. Diese Strategie hat zwei Aspekte. Einerseits muss sich die Gesellschaft auf der Grundlage der Frauenbefreiung und des Zusammenlebens der Völker und Religionen organisieren und dabei weiterhin in der Lage sein, ihre Selbstverteidigung zu gewährleisten. Andererseits muss innerhalb der Staaten Türkei, Syrien, Irak und Iran ein Prozess der „demokratischen Integration“ stattfinden. Diese „Integration“, die nichts mit den Formen kultureller und politischer Assimilation zu tun hat, die das kurdische Volk bisher erlebt hat, muss es ihm ermöglichen, rechtliche, ja sogar verfassungsrechtliche Garantien zu erlangen, die ihm die Entwicklung einer „demokratischen Gesellschaft“ gestatten.So wurde in der Türkei eine Kommission eingerichtet, die über die Schaffung eines neuen Rechtsrahmens zur Lösung der Kurdenfrage entscheiden soll. In Syrien unternahm die DAANES im Laufe des Jahres 2025 zahlreiche Anstrengungen, um Bedingungen zu schaffen, die einer „demokratischen Integration“ förderlich sind. Es überrascht nicht, dass die Türkei und andere internationale Mächte konsequent versucht haben, die Verhandlungen zu sabotieren. Doch wie wir in Rojava gesehen haben, führt der Widerstand des Volkes zu Ergebnissen – die diesmal zwar zugegebenermaßen unzureichend sind, die aber an Bedeutung gewinnen werden, wenn sich die Völker vereinen, um einen dritten Weg gegen den Kapitalismus zu beschreiten.Und dies ist einer der entscheidenden Punkte des von Abdullah Öcalan initiierten Prozesses: Sein Erfolg hängt nicht allein von den Staaten ab; der Aufbau einer „demokratischen Gesellschaft“ beginnt vor allem von unten nach oben. Angesichts eines Systems, das Völker spaltet und Gesellschaften zersplittert, besteht das Ziel darin, eine organisierte Gesellschaft aufzubauen, die in der Lage ist, sich sowohl moralisch als auch physisch zu verteidigen. Dazu gehört, überall Kommunen zu gründen, Initiativen zur Volksbildung aufzubauen und zu stärken, das Zusammenleben und den Ausdruck verschiedener Kulturen zu ermöglichen und den Frauen wieder einen zentralen Platz in der Gesellschaft einzuräumen. Auch aus diesem Grund betont Abdullah Öcalan die Notwendigkeit, dass sich die Völker vereinen und organisieren. So schlug er in seinen an den Auflösungskongress der PKK gerichteten Perspektiven die Gründung einer neuen sozialistischen Internationale vor: einer, die keine Internationale der Staaten, sondern der Völker wäre, die Kommunale Internationale.[11]

 

Was Abdullah Öcalan vorschlägt, ist ein grundlegendes Umdenken in Bezug auf den Begriff der Revolution. Aus den Lehren der Vergangenheit, insbesondere aus dem „Realsozialismus“ der UdSSR, schlägt er eine neue Art vor, den Sozialismus zu begreifen. Geschichte ist nicht bloß die Geschichte des Klassenkampfes, auch wenn dieser eine wichtige Rolle spielt; vielmehr ist sie in erster Linie eine Dialektik zwischen Staat und Kommune. Der Staat, der seinen Ursprung in der Herrschaft des Mannes über die Natur und des Mannes über die Frau hat, steht daher in direktem Gegensatz zum Leben der Gesellschaften. Je stärker der Staat ist, desto mehr ist das gesellschaftliche Leben bedroht. Umgekehrt gilt jedoch: Je mehr eine Gesellschaft zur Selbstorganisation fähig ist, desto überflüssiger wird die Rolle des Staates. Und deshalb bedeutet ein Umdenken über den Sozialismus im 21. Jahrhundert, zu den Ursprüngen der Herrschaft zurückzukehren; es bedeutet anzuerkennen, dass im Laufe der Geschichte stets zwei Stränge parallel existierten und dass es der Strang der wahren Demokratie außerhalb der Logik des Nationalstaats ist, den wir pflegen müssen.Vielleicht gibt es Pessimisten, die glauben, dass die jüngsten Entwicklungen in Rojava beweisen, dass Modelle wie der demokratische Konföderalismus utopisch sind, dass sie angesichts des kapitalistischen Systems nicht überleben können. Vielleicht können sie sich das Ende der Welt leichter vorstellen als das Ende des staatsorientierten und kapitalistischen Systems. Doch wenn wir die heutige Situation betrachten, befindet sich vor allem Letzteres in der Krise. Zu akzeptieren, dass es keine Alternative zu Grausamkeit und Krieg gibt, bedeutet bereits aufzugeben, sich zu ergeben, bevor man Widerstand geleistet hat. Rojava ist kein irdisches Paradies, in dem alle Formen der Herrschaft abgeschafft wurden; es ist die Geschichte von Völkern, die sich zusammengeschlossen und versucht haben, sich gemeinsam zu organisieren. Es ist ein Prozess voller Schmerz und Widerstand, voller Fehler und Selbstkritik. Um auf der Grundlage einer jahrtausendealten, staatlich und patriarchal geprägten Zivilisation ein freies Leben aufzubauen, muss man kämpfen, manchmal fallen, immer wieder aufstehen und weiter voranschreiten.  Das kommunale Experiment von Rojava ist nicht tot; es ist zwar zweifellos in Gefahr, aber es kann wachsen, wenn die Entschlossenheit und der Widerstand der Menschen zunehmen. In den 14 Jahren ihres Bestehens hat die Frauenrevolution überall auf der Welt Samen gesät, und angesichts dieses Kapitalismus, der in den letzten Zügen liegt, kann die Antwort nur lauten: Lasst uns 1.000 Rojavas aufbauen!

 

For more information:

(note for translators: Website in French, necessary to search for each language)

 



[1]“Demokratischer Konföderalismus ist ein soziales, nicht-staatliches Paradigma […] Demokratischer Konföderalismus basiert auf gesellschaftlicher Beteiligung und es sind die beteiligten Gemeinschaften, die die Entscheidungsfindungsprozesse bestimmen. Die höchsten Stufen existieren nur, um die Koordination und Implementation des Willens der Gemeinschaften, die ihre Deligierten zu den Generalversammlungen geschickt haben, zu gewährleisten. Um Zeit zu sparen, fungieren sie sowohl als Sprecher:innen als auch als exekutives Organ. Die zugrundeliegende Entscheidungsmacht liegt jedoch bei den Institutionen der Menschen.” Abdullah Öcalan

 

 

[3] Hayat Tahrir al-Sham: eine islamistische politische Gruppe, die die Syrische Übergangsregierung seit dem Sturz von Bassar al-Assads Regime im Jahr 2024 stellt.


[4] Syrian Democratic Forces: Eine Militär-Koaliation, die aus verschiedenen kurdischen, arabischen und assyrischen Volks-Selbstverteidigungseinheiten besteht, darunter auch die YPG und die YPJ.

 

[5] Auf Kurdisch: Norden, Süden, und Osten, bezogen auf die Teile Kurdistans, die in den Territorien der Türkei, des Iraks und des Irans liegen.

 

 





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