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Frauen, kommune und der neue sozialismus

  • 27. Feb.
  • 7 Min. Lesezeit

Abdullah Öcalan

Frühling 2025


Der folgende Text ist eine Zusammenstellung von Ausschnitten aus den Perspektiven die Abdullah Öcalan zum 12. PKK Kongress, abgehalten vom 5. bis zum 7. Mai in den freien Bergen Kurdistans, geschrieben hat. Diese Perspektiven stellen die Einleitung dar zum „Manifest der demokratischen Gesellschaft“, das bald veröffentlicht wird und die hier geöffneten Themen in der Tiefe entwickelt.


Gebilde von Innana
Gebilde von Innana

Frauen sammeln Pflanzen, während Männer jagen und dabei Lebewesen töten. Krieg bedeutet, Lebewesen zu töten. Tiere zu töten, ist Mord. Dass Frauen hingegen um Pflanzensamen herum eine Gesellschaft bilden, ist etwas ganz anderes. Dass sie sich durch das Töten ihres Mannes selbst stärken, ist ebenfalls etwas ganz anderes. Ich werde das später noch näher erläutern. Die einen haben sich zu der heutigen mörderischen Gesellschaft entwickelt, die anderen versuchen immer noch, die Gesellschaft am Leben zu erhalten. Die Kultur, die darauf abzielt, die Gesellschaft am Leben zu erhalten, gründet folglich auf einer Soziologie, die sich um die Frau herum entwickelt hat. Eine Gesellschaft, die auf Krieg, also auf Beute, basiert, ist eine männlich dominierte Gesellschaft. Ihre ganze Arbeit besteht nun im Mehrwert. Marx bringt dies mit der Klassengesellschaft in Verbindung, was jedoch unnötig ist. Sobald sich die Möglichkeit des Mehrwerts ergibt, sobald sich also um die Frau herum eine Pflanzengesellschaft bildet und es mehr Nahrung gibt, wirft der Mann ein Auge darauf. Er jagt zwar Tiere, bemächtigt sich aber auch der von der Frau gesammelten Nahrung. Er bemächtigt sich sowohl der Nahrung als auch der Frau – so beginnt diese Geschichte. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

Ja, Frauen haben die Gesellschaft entwickelt und ein Zuhause geschaffen. Sie ernähren ihre Kinder und bilden einen Frauenclan bzw. eine Frauengesellschaft. Sie wurden zu Göttinnen und führten 30.000 Jahre lang die Menschheit. Dann kamen die männlichen Jäger und schlossen sich zu besonderen Vereinigungen, zu einer Art Bruderschaft, zusammen. Diese Bruderschaften bestanden aus ein paar Kumpels. Die Jäger bildeten eine Gruppe, die zuerst Tiere jagte und bei erfolgreichem Abschluss ein Festmahl veranstaltete. Doch dann sahen sie, dass die Frauen Weizen, Gerste und Linsen anbauten und so die neolithische Gesellschaft erschufen, indem sie Dörfer gründeten. Sie bauten Häuser, um ihre Kinder zu ernähren und zu beschützen, aber auch, um Brüder, Tanten und Onkel unterzubringen. Sie hatten Kinder und bildeten einen Clan. Sie produzierten und erfanden Dinge. Inanna fragt Enki: „Hast du mir meine Hunderte von Me gestohlen?” Das bedeutet, dass es Hunderte von Schöpfungskünsten gibt, dass es Institutionen gibt und dass sie eigentlich die Schöpferin davon war, während er sich nun diese aneignet. „Du sagst, du hast sie geschaffen, und du lügst“, sagt sie zu Enki in dem Epos. „Ich habe sie geschaffen, und du bemächtigst dich ihrer.“ Mit dieser mythologischen Aussage habe ich mich auf meine eigene Art und Weise auseinandergesetzt. Und ich habe das noch weiterentwickelt. So habe ich auch das Gilgamesch-Epos analysiert. Was die Problematik angeht, so greift der Mann, gestützt auf diesen Jägerclub, die Gesellschaft der Frauen an. Damit beginnt das Problem. Ist das richtig? Ja. Wir sehen das vor allem in Urfa. Das ist weit verbreitet. Mächtige Männer töten im Rahmen der Ehe jeden Tag.

Die nächste Stufe ist die des Eigentums. In Bezug auf die Situation zu Hause ist die Ideologie, dass man eingesperrt wird, gefährlich und stellt ein großes Problem dar. Wie ich bereits gesagt habe, beginnen die Probleme in der Gesellschaft auf diese Weise. Das ist das eigentliche Problem in der Gesellschaft. So entstehen Klassen und Staaten. Und dafür sind die Männer verantwortlich. Sie machen aristokratische Revolutionen, sie machen bürgerliche Revolutionen, aber letztendlich geht es immer um die Versklavung der Frau. Dann wird er zum Staat. Wenn er erst einmal zum Staat geworden ist, gibt es keine andere Macht mehr, die den Mann zügeln könnte. Der Staat steht für unbegrenzte Macht. Der Mann ist gebrandmarkt.

Wenn ihr die Idee der Freiheit verliert, seid ihr unweigerlich am Ende. Auf dieser Grundlage entwickeln wir unseren neuen Aufbruch: den neuen Sozialismus, die neue kurdische Existenz und Identität sowie die kurdische Freiheit. Sowohl die Kritik an der Zivilisation, an der Moderne als auch die Kritik an der Versklavung der Frau schreiten bei uns stark voran. Wir sind dabei, das Problem zumindest auf individueller Ebene zu überwinden, und auch auf kollektiver Ebene gibt es Fortschritte. Meiner Meinung nach ist das unser wichtigster Beitrag zum Sozialismus. Dies habe ich im Einleitungskapitel im Rahmen des Themas „Gesellschaftlichkeit der Frau und Problematik” dargelegt.


Der Widerspruch zwischen Staat und Kommune in der historischen Gesellschaft


Der historische Materialismus sollte den Klassenkampf durch die „Kommune” ersetzen. Ist das nicht nicht nur ein realistischer, sondern auch der gesündeste Ansatz vom freien Denken und Handeln in der Soziologie zum Sozialismus? Anstelle einer Definition von historischem Materialismus und Sozialismus, die auf Klassenkonflikten basiert, halte ich eine Alternative, die auf dem Widerspruch zwischen Staat und Kommune basiert, für zutreffender. Ich halte es für richtiger, den Marxismus zu überdenken und diesen Begriff stattdessen zu verwenden. Das heißt, die Geschichte ist keine Geschichte des Klassenkampfs, sondern besteht aus einem Konflikt zwischen Staat und Kommune. Die auf dieser Klassenunterscheidung basierende Konflikttheorie des Marxismus ist der Hauptgrund für den Zusammenbruch des Realsozialismus. Das muss man nicht einmal kritisieren. Einer der Hauptgründe dafür ist jedoch der Versuch, eine auf dieser Klassenunterscheidung basierende Soziologie zu entwickeln. Was bedeutet also der Widerspruch zwischen Staat und Kommune, der an die Stelle dieser Unterscheidung tritt? Das ist eine sehr wertvolle Feststellung. Oder sie ist bekannt, aber man hat sie bisher nicht systematisiert. Was ich hier tue, ist eine systematische Reflexion. Ich möchte den historischen Materialismus anhand dieses Begriffspaares analysieren. Außerdem möchte ich den aktuellen Sozialismus nicht auf eine Form des Kommunismus stützen, die auf Klassendiktatur basiert, sondern auf ein Begriffspaar, das die Beziehungen zwischen Staat und Kommune bestimmt. Ich habe den Eindruck, dass dies zu sehr konstruktiven und beeindruckenden Ergebnissen führen wird. Ich stütze mich dabei auf die Tatsache, dass die Gesellschaft ein kommunales Phänomen ist. Oben habe ich den Begriff des Clans definiert. Das ist Gesellschaftlichkeit. Gesellschaftlichkeit bedeutet auch Kommune. Die Urkommune ist der Clan. Was speziell das Wort „Kommune” angeht, so müssen wir den uns soweit bekannten gesellschaftlichen Aufstieg im mesopotamischen Raum analysieren, also die Entstehung der sumerischen Gesellschaft, des Staates, der Stadt und des Eigentums und die Grundlage, auf der all das begann. Es ist richtig, sowohl den Staat als auch die Kommune an die Spitze zu stellen. Aber wo bleibt dabei die Gesellschaftlichkeit? Die Gesellschaft ist die Grundlage. Bis zum Jahr 4000 v. Chr. fand die gesellschaftliche Entwicklung nämlich in Form von Clans statt. Man kann dies auch als aşîret1 oder Stamm bezeichnen. Ein aşîret ist ein Zusammenschluss von Kommunen. Ein Clan ist eine Kommune. Die Familie als solche war damals noch nicht entstanden.

Der Stammesführer gründet den Staat. Die Stammesmitglieder, deren Interessen nicht berücksichtigt wurden, bildeten die Kommune. So ist es in Wirklichkeit. Ganz einfach. Ich habe da keine große Entdeckung gemacht. Marx nennt das eine wissenschaftliche Entdeckung, aber das ist nur ein Märchen. Die Entstehung der Arbeiterklasse und ihre Entwicklung haben Wunder vollbracht; die Wissenschaft ist dabei nur Nebensache. Der Unterdrücker des Stammes wird zum Staat, der Stammesführer – wer auch immer das ist – und seine gewöhnlichen Mitglieder leben als Kommune und später als Familie weiter. Die an der Spitze Stehenden werden zum Staat. Die Staatsdynastie. Die Unteren sind der ständig unterdrückte Stamm. Sobald ein Staat entsteht, gibt es auch einen unterdrückten Stamm. So beginnt die Spaltung. Die Theorie des Marxismus, die besagt, wie das Proletariat entstanden ist und sich entwickelt hat, erscheint mir etwas weit hergeholt.

Es entstand dort eine Form der Ausbeutung namens Kapitalismus, die sich weltweit durchsetzte. Diese Hegemonie setzte sich weltweit durch. Ihre Wurzeln liegen in der sumerischen Gesellschaft. Das ist die Geschichte der Staatsbildung. Sklavenstaat, Feudalstaat, kapitalistischer Staat - eigentlich sollte man das nicht so interpretieren. Wichtig ist: Wo ist die Kommune? Bemerkenswert ist, dass in den letzten Jahren seines Lebens in der Pariser Kommune viele Menschen starben, die Marx gut kannte. Man spricht von fast 17.000 getöteten Kommunarden. Zu ihrem Gedenken verfasste er eine Analyse mit dem Titel „Der Bürgerkrieg in Frankreich”. Er gab „Das Kapital” auf. Denn seine Vorhersagen hatten einen schweren Schlag erlitten. Meiner Meinung nach erlitt er einen inneren Bruch. Er befasste sich daraufhin mit der Idee der Kommune. Er verwendete den Begriff „Klasse” nicht oft, sondern eher den Begriff „Kommune”. Kropotkin kritisierte Lenin und sagte: „Zerstöre die Sowjets nicht!” Sowjet bedeutet eigentlich Kommune. Lenin bevorzugte jedoch den Staat und Stalin führte ihn mit dem NEP-Programm zu schrecklichen Ausmaßen.

Am Ende seines Lebens wollte Marx den Begriff „Diktatur” nicht mehr verwenden und wandte sich stattdessen dem Begriff „Kommune” zu. Er unterschied zwar zwischen Staat und Kommune, konnte diese Unterscheidung jedoch nicht weiterentwickeln. Letztendlich bin ich der Meinung, dass diese Unterscheidung historisch gesehen gültig ist, der historische Materialismus jedoch nicht als Klassenkampf verlief - ich würde auch nicht von einem Kampf sprechen - sondern als Gegensatz zwischen Kommune und Staat. Die gesamte Geschichte dreht sich darum. Insbesondere die geschriebene Geschichte. Die Grundlagen wurden in Sumer gelegt und heute erleben wir im Westen den Höhepunkt dessen.

Eigentlich ist die Kommune eine große Gesellschaftsform, ein Clan. Selbst die Familie ist eine Kommune. Doch sie ist sehr geschwächt. Die Kommunalverwaltungen sind ausgehöhlt. Es gibt nur noch Überreste von Stämmen, die ebenfalls ausgehöhlt sind.

Der Begriff der „moralisch-politischen Gesellschaft” ist ein anderer Ausdruck für die Analysen in Bezug auf die Kommune. Die Kommune steht dabei im Gegensatz zum Staat. Auch die Sprache der neuen Friedensepoche wird politisch sein. Wir werden die Freiheit der Kommune verteidigen. Wir geben die Sprache des Nationalstaats und die auf ihm basierenden Begriffe auf und legen stattdessen ethische und politische Begriffe zugrunde, die auf der Kommune basieren. Wir haben von einer moralisch-politischen Gesellschaft gesprochen, aber das ist die Bezeichnung für diese sich befreiende Kommune. Es ist etwas Ethisches und Politisches, aber nichts Rechtliches. Das Recht wird es geben, es wird sich entwickeln, beispielsweise in Form eines Gesetzes für die Kommunalverwaltungen. Wir werden verlangen, dass dies in den Gesetzen zum Ausdruck kommt. Das wird unsere Bedingung und unser Prinzip sein. Der wissenschaftlichere Ausdruck dafür ist kommunale Freiheit. Wir werden von nun an kommunalistisch sein. Die Kommune anstelle des Klassenbegriffs zu verwenden, ist viel eindrucksvoller und wissenschaftlicher. Die Kommunalverwaltungen stellen schließlich immer noch Kommunen dar. Bei uns gibt es auch die „kom”2. Gibt es keine Moral oder Ethik? Natürlich gibt es sie. Die Kommune funktioniert ohnehin eher auf der Grundlage von Ethik als durch Gesetze. Die Kommune steht auch für Demokratie. Demokratische Politik bedeutet Politik. „Kommune” ist ein Name, „Ethik” ein politischer Begriff. Die Kommune ist ethisch und politisch, wobei das eine ein Name und das andere ein Begriff ist. Wir bezeichnen dies als die grundlegendste Revision des Marxismus. Wir ersetzen den Klassenbegriff des Marxismus durch den Begriff der Kommune. Kropotkins Kritik an Lenin ist richtig. Und Bakunins Kritik an Marx ist auch richtig. Sie ist unvollständig, aber richtig. In dieser Frage muss der Marxismus unbedingt einer Kritik unterzogen werden. Hätten Marx und Lenin ihre jeweiligen Kritiker Kropotkin und Bakunin verstanden, hätte sich das Schicksal des Sozialismus sicherlich anders entwickelt. Da ihnen diese Synthese nicht gelang, kam es zur Entwicklung des Realsozialismus.



[1] Ansammlung verschiedener Stämme und Klans, keine direkte Übersetzung vorhanden.

[2] Das kurdische Wort “kom” kann als Gruppe oder Kollektivität verstanden werden und teilt denselben proto-indoeuropäischen Stamm wie das lateinische Wort “cum”, welches die Basis für Wörter wie “community” oder “Kommune” darstellt. Es wird oft verwendet um eine Gruppe oder Ansammlung von Menschen zu beschreiben, die zusammenkommen oder eine Identität teilen.



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