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Demokratischer Konföderalismus im Nahen Osten




In seinem Manifest für eine demokratische Zivilisation hat Rêber APO die Revolution in Kurdistan als eine internationalistische Revolution konzipiert, die, indem sie die Möglichkeit eines gemeinsamen Zusammenlebens zwischen den verschiedenen Nationen, Völkern und Ethnien des Gebiets im Rahmen des demokratischen Konföderalismus entwickelt, darauf abzielt, eine Alternative zur kapitalistischen Moderne im Nahen Osten zu erschaffen. Rêber APO sagt dazu folgendes:


„Der demokratische Konföderalismus basiert auf der historischen Erfahrung der Gesellschaft und ihrem kollektiven Erbe. Es handelt sich nicht um ein willkürliches modernes politisches System, sondern um ein System, das Geschichte und Erfahrung sammelt. Es ist aus dem Leben der Gesellschaft hervorgegangen. Der Staat ist ständig auf Zentralismus ausgerichtet, um die Interessen der Machtmonopole zu verfolgen. Für den Konföderalismus gilt genau das Gegenteil.“


In seinen Analysen argumentiert Rêber APO, dass der Nahe Osten bis zum Jahr 2030 einen Prozess des radikalen Wandels und der geopolitischen Neuordnung durchlaufen wird. In der Tat haben die Hegemonialmächte in der Region seit dem Arabischen Frühling 2011 die regionalen Konflikte verschärft mit dem Ziel, Zugang zu Rohstoffen zu erhalten und die Kontrolle über geopolitisch strategische Gebiete zu erlangen. Zahlreiche Staaten und politische Organisationen, seien es die Agenten der kapitalistischen Moderne wie die Türkei und die NATO, der Iran und Russland oder lokalen Mächte wie Katar, Syrien, Libanon, Ägypten und andere, sind direkt oder indirekt in diese Auseinandersetzungen verwickelt. Jeder Nationalstaat hat seine eigenen Interessen, Pläne und Strategien, um lokale Macht zu erlangen und sich auf dem internationalen finanzkapitalistischen Markt zu etablieren.


Es liegt auf der Hand, dass diese Auseinandersetzungen nicht ohne Vorgeschichte entstanden sind. Die Wurzeln dieser Probleme und des Konflikts im Nahen Osten erstrecken sich vielmehr über Tausende von Jahren. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit der Entstehung der Zivilisation in Mesopotamien und der Institutionalisierung hierarchischer und patriarchalischer Mentalitäten in Form des Zikkurats (sumerische Tempel, in denen erstmals die grundsätzliche Struktur des Staates etabliert wurde, siehe Öcalan: „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“) und der Herrschaftsstruktur in den entstandenen Reichen. Diese Mentalität und die neue soziale Organisation führten zur Zerstörung der verschiedenen Nationen, Ethnien und Völker durch ihre Zwangsassimilation in einen neuen historisch-kulturell-religiösen Apparat. Während sich das Erscheinungsbild dieser Zivilisation beträchtlich verändert hat, bevor sie ihren heutigen Ausdruck in den Trugbildern und Masken der liberalen Demokratie fand, sind die hierarchischen und patriarchalischen Strukturen, die für die Existenz dieser Zivilisation erforderlich sind, gleich geblieben.


Daraus folgt: Um die Probleme zu lösen, mit denen wir heute konfrontiert sind, müssen wir die Wurzeln des Nationalstaates erkennen.


Der Prozess der europäischen kolonialistischen Expansion zwischen 1500 und 1900 war ein weiterer Faktor, der die Widersprüche im Nahen Osten vertieft hat. Die bestehenden Probleme im Zusammenhang mit der Verteilung, der Aufteilung des Territoriums, lokalen Streitigkeiten, ethnischen Konflikten und der Erschließung von Bodenschätzen wurden von dem Moment an verschärft, als Besatzer von einem anderen Kontinent das Land der Region übernahmen, es zu ihrem Eigentum erklärten und ihre Herrschaft gewaltsam durchsetzten.




Derzeit gibt es 15 international anerkannte Staaten im Nahen Osten. Viele Jahrhunderte lang gehörte diese Region zu zwei Reichen, einmal dem Persischen Reich, das sich vom östlichsten Teil des Mittelmeers bis zum Fluss Indus erstreckte, und dem Osmanischen Reich, das ein großes Gebiet im westlichen Teil des Nahen Ostens kontrollierte. Jahrelang stritten diese beiden Reiche miteinander und mit europäischen Ländern um die regionale Vorherrschaft. Auf der Suche nach Rohstoffen, billigen Arbeitskräften und einem Verbrauchermarkt, um seine industrielle Entwicklung nach der Unabhängigkeit der amerikanischen Länder fortzusetzen, begannen Europäische Großmächte, Afrika und Asien zu kolonisieren. Dadurch erlitten die beiden Reiche, die das Gebiet des heutigen Nahen Ostens besetzt hielten, große territoriale Verluste. Am Ende des Ersten Weltkriegs teilten Frankreich und Großbritannien das Gebiet des Nahen Ostens unter sich auf und schufen die von ihnen gewünschten abhängigen Protektorate und nicht die unabhängigen Staaten, die sie versprochen hatten. So entstanden die meisten der heutigen Staaten des Nahen Ostens im 20. Jahrhundert nur mit der Erlaubnis Frankreichs und Großbritanniens.


Das im Mai 1916 von Großbritannien, Frankreich und Russland unterzeichnete Sykes-Picot-Abkommen etablierte ein fremdes, koloniales und eurozentrisches Regierungssystem im Nahen Osten.


Die bedeutende Vierzehn-Punkte-Rede des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zwei Jahre später, 1918, trug zur Legitimierung des Gedankens der Selbstbestimmung und Autonomie von Minderheiten wie Kurden und Armeniern bei.

Im August 1920 wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet, der angeblich den Rückzug der türkischen Streitkräfte aus den kurdischen Gebieten ermöglichen sollte, um die Bildung eines autonomen kurdischen Staates zu ermöglichen. In der Tat wurde in den Artikeln 62, 63 und 64 des Vertrags von Sèvres das Selbstbestimmungsrecht der Kurden ausdrücklich und unmissverständlich festgeschrieben. Das Brechen dieser Versprechen zugunsten des Vertrags von Lausanne, der die türkischen Grenzen innerhalb der kurdischen Gebiete festlegte, markierte jedoch den Beginn eines langen Prozesses der staatlichen Gewalt und Unterdrückung.


Für die Kurden ist der Lausanner Vertrag ein Dokument, das ihre marginalisierte und unterworfene Position im Nahen Osten weiterhin prägt und legitimiert.


Die Entstehung der Türkei war begleitet von kolossalen Menschenrechtsverletzungen, ethnischen Säuberungen und einer umfassenden Gewalt- und Assimilationspolitik, die sich über Jahrzehnte hinzog, zum Nachteil von Minderheiten, insbesondere der Kurden. So starben beispielsweise zwischen 1915 und 1918 mehr als 700.000 Kurden unter den 1 Million Deportierten aus Zentral- und Westanatolien. Im Zeitraum 1918-1938 wurden aufgrund einer Reihe von Massakern, darunter die Massaker von Kochgiri, Amed, Zilan und Dersim, mehr als 1,5 Millionen Kurden deportiert oder massakriert. Im Zeitraum 1984-1999 wurden mehr als 4.000 Dörfer zerstört, 3 Millionen Kurden wurden ethnisch gesäubert und zwangsdeportiert, wobei Zehntausende massakriert wurden. Diese Politik der Bestrafung wird bis heute fortgesetzt.


Infolgedessen begannen die Kurden, insbesondere die in Süd- und Nordkurdistan, eine Reihe von Widerstandskämpfen, die mit brutaler und unverhältnismäßiger staatlicher Gewalt beantwortet wurden. Durch diese Aktionen wurde der Status der Kurden als unterworfene Nation, gegen die kultureller Völkermord und die Verweigerung grundlegender Rechte als zulässig erachtet werden, zementiert. Dieser Prozess hat sich im gesamten Nahen Osten in verschiedenen Nationen, in verschiedenen Formen und gegen verschiedene Völker wiederholt, jedoch immer unter der nationalstaatlichen, da zivilisatorischen Mentalität, die die nationale Einheit unter folgenden Motto verkündet:


„Eine Flagge, ein Volk, eine Sprache, eine Nation.“


Nach dieser Logik müssen Menschen und Gruppen innerhalb eines nationalen Territoriums, deren Existenz diesem Motto widerspricht, verleugnet, assimiliert oder eliminiert werden. Die Anerkennung dieser historischen Ursprünge ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Prozesse und Probleme, mit denen wir heute im Nahen Osten konfrontiert sind, insbesondere wenn wir an die Praktische Umsetzung des demokratischen Konföderalismus für das gesamte Gebiet denken.


Der Israel-Palästina Konflikt ist ein deutliches Beispiel dafür, dass die nationalistische Staatslösung keine Antwort auf diese Probleme geben kann.


 Normalerweise wird der Konflikt nur in seiner gegenwärtigen Periode analysiert, d. h. seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1949, nachdem das palästinensische Volk im Jahr zuvor massenhaft vertrieben worden war, was als Nakba (Katastrophe) bezeichnet wird. Seitdem hat sich der Konflikt vertieft und verschärft. Am 7. Oktober 2023 wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen, als die Hamas eine beispiellose Militäroffensive gegen den zionistischen Staat Israel startete. Israel wiederum erklärte dem palästinensischen Volk den Krieg und mobilisierte 300.000 Reservisten - die größte Mobilisierung in der Geschichte Israels. Der faschistische Führer Benjamin Netanjahu versprach, den Gazastreifen in einen Friedhof zu verwandeln, als er sagte, dass „die Fundamentalisten der Hamas die Tore der Hölle unter Gaza geöffnet haben.“ Kurz darauf wurde eine Salve militärischer Raketen auf die Stadt abgefeuert, die Dutzende von Zivilisten tötete. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes gibt es bereits mehr als 1000 Tote und 4000 Verletzte auf beiden Seiten des Konflikts, und das in rund 48 Stunden seit Beginn der militärischen Auseinandersetzung.


Die Leidtragenden dieses Krieges sind letztlich die Menschen und die Zivilgesellschaft, seien es Palästinenser oder Israelis.


Solange jedoch der Diskurs auf einer nationalistischen und fundamentalistischen Grundlage bleibt, wird sich dieser Kreislauf von Gewalt und Tod endlos wiederholen, während der Haufen von Leichen weiter wächst. Das Problem wiederholt sich in verschiedenen Gebieten, sei es in einem internen Streit um die Kontrolle von Handels- und Erkundungsrouten, wie derzeit in Libyen und im Sudan, oder aufgrund äußerer Interessen, an denen Hegemonialmächte der kapitalistischen Welt beteiligt sind, wie in Syrien seit 2011.


Die Jugend des Nahen Ostens, die von den anhaltenden Kriegen ermüdet ist und täglich mit den Folgen dieser Realität zu kämpfen hat, sucht nach einer Alternative zu dieser Realität und wird in vielen Fällen von der Propaganda der kapitalistischen Moderne getäuscht, die ein besseres Leben im Westen verspricht, selbst wenn es sie das Leben kostet. Trotz dieses Massenexodus hat sich die Zahl der im Nahen Osten lebenden Migranten zwischen 2005 und 2015 mehr als verdoppelt, und zwar von rund 25 Millionen auf rund 54 Millionen, wie eine Analyse von Daten der Organisationen der Vereinten Nationen zeigt. Der größte Teil des Migrationsanstiegs, insbesondere nach 2011, war das Ergebnis bewaffneter Konflikte und der Zwangsvertreibung von Millionen von Menschen aus ihrer Heimat und ihren Heimatländern. Das kapitalistische System fördert die Einwanderung aufgrund seiner wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen in einer Region, die sich den Angriffen der Moderne und des Neoliberalismus widersetzt. Die Entfremdung und Beeinflussung junger Menschen, deren Leben keine Aussicht auf Besserung hat, und die Darstellung Europas als gelobtes Land der Zivilisation ist einer der wichtigsten Mechanismen dieses speziellen Krieges, der täglich gegen die Jugend des Nahen Ostens geführt wird.


Die Jugend Kurdistans dient als praktisches Beispiel dafür, wie das System die Jugend ins Visier nimmt.


Einwanderungsgesetze dienen dem Kapitalismus in zweierlei Hinsicht. Erstens sichern sie billige ausländische Arbeitskräfte, wenn die heimische Wirtschaft sie braucht. Zweitens ermöglichen sie eine größere Kontrolle über die gesamte Klasse. Die meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften der kapitalistischen Welt wurden auf migrantischer Arbeit aufgebaut. Es ist also kein Zufall, das vor allem die Jugend Ziel dieser systematischen Politik der Schaffung von Einwanderern und ihrer Verwendung als Arbeitskräfte ist.


Junge Menschen dieser neuen Generation, die in einem Umfeld der ständigen Krise aufgewachsen sind, finden in ihrer Flucht in den Westen die vom System verkaufte Idee wieder, dass es nur dann möglich ist, ein würdiges Leben zu führen, wenn sie in diese Zentren der kapitalistischen Macht und Zivilisation auswandern, die „wilde“ und „primitive“ Bevölkerungen aufnehmen und versprechen, sie in „zivilisierte“ Menschen zu verwandeln. Während der durch den Krieg in der Ukraine ausgelösten Flüchtlingskrise wurde die unterschiedliche Behandlung von europäischen Einwanderern und Einwanderern aus dem Nahen Osten oder Afrika deutlich, da alle europäischen Länder ihre Türen öffneten und diesen Einwanderern kostenlos Wohnraum und Arbeitsplätze anboten. Die Analyse eines europäischen Fernsehmoderators machte weltweit Schlagzeilen, als er den Unterschied zwischen ukrainischen und syrischen Einwanderern analysierte und die einen als zivilisierte Gesellschaft und die anderen als ungebildete Barbaren bezeichnete.


Aufgrund dieser Realität werden junge Menschen, die in die Zentren der kapitalistischen Moderne auswandern, heute von einem großen Teil der einheimischen Bevölkerung, die die kulturellen und historischen Unterschiede der verschiedenen Realitäten nicht akzeptiert, zum Sündenbock gemacht und als gefährliche Kriminelle diffamiert.

Mit ihrem kolonialistischen und eurozentrischen Blick sehen die europäischen Gesellschaften diese Einwanderer als Menschen zweiter Klasse, die nur dazu geeignet sind, ihnen zu dienen (dies zeigt sich an den Arbeitsplätzen, die den Einwanderern zugewiesen werden, und an ihrer sozialen Ausgrenzung). Die meisten dieser jungen Menschen und ihre Familien leben in Flüchtlingslagern, werden wie Gefangene auf Bewährung behandelt und stets mit Misstrauen betrachtet. Beeinflusst von dieser Realität und immer noch im Glauben an Träume von persönlichen Hoffnungen, die von der irreführenden Werbung der digitalen Medien vermittelt werden, befinden sich diese jungen Menschen an einem grausamen und scheinbar unlösbaren Scheideweg. Entweder sie akzeptieren die vom System auferlegte Realität und ihre soziale Ausgrenzung, ihr willkürliches Zusammenleben und das ständige Misstrauen oder sie schließen sich organisierten Gruppen an, die das soziale Chaos zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Es ist nicht verwunderlich, dass europäische nationalistische Organisationen diese Organisationen nutzen, um das Thema der Einwanderungsfeindlichkeit aufzugreifen und zu versuchen, die rassistische und faschistische Realität zu verschleiern.


Um gegen diese deprimierende und unmenschliche Realität anzukämpfen, ist es notwendig, sich mit dem Paradigma von Rêber APO und den von ihm vorgestellten Lösungen zu befassen, insbesondere mit dem Verständnis der demokratischen Nation und des demokratischen Konföderalismus als Alternativen zur kapitalistischen Moderne.

Zu diesem Thema sagt er:


„Der demokratische Konföderalismus kann als eine Form der Selbstverwaltung beschrieben werden, im Gegensatz zur Verwaltung des Nationalstaates.“


Unter bestimmten Umständen ist jedoch eine friedliche Koexistenz möglich, solange sich der Nationalstaat nicht in die Kernaktivitäten der Selbstverwaltung einmischt. Solche Eingriffe würden die Selbstverteidigung der Zivilgesellschaft erfordern. Der demokratische Konföderalismus befindet sich mit keinem Nationalstaat im Krieg, aber er wird den Assimilationsbestrebungen nicht tatenlos zusehen. Ein revolutionärer Umsturz oder die Gründung eines neuen Staates schafft keinen nachhaltigen Wandel. Langfristig können Freiheit und Gerechtigkeit nur in einem dynamischen, konföderativen und demokratischen Prozess erreicht werden.Weder die totale Ablehnung noch die totale Anerkennung des Staates ist für die demokratischen Bemühungen der Zivilgesellschaft hilfreich. Die Überwindung des Staates, insbesondere des Nationalstaates, ist ein langfristiger Prozess. Der Staat wird erst dann überwunden sein, wenn der demokratische Konföderalismus seine Fähigkeit bewiesen hat, Probleme im Zusammenhang mit sozialen Fragen zu lösen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Angriffe von Nationalstaaten geduldet werden sollten. Die demokratischen Konföderationen werden ihre Selbstverteidigungskräfte jederzeit aufrechterhalten. Demokratische Konföderationen werden nicht darauf beschränkt sein, sich innerhalb eines bestimmten Territoriums zu organisieren. Sie werden zu grenzüberschreitenden Konföderationen, wenn die beteiligten Gesellschaften dies wünschen.


Die Praxis des Demokratischen Konföderalismus’, wie sie heute in der Autonomen Region Nord- und Ostsyrien, im Flüchtlingslager Rustem Cûdî in Mexmûr und in Shengal gelebt wird, ist der lebende Beweis dafür, dass eine lebensfähige und praktische Alternative eine Lösung für die Probleme der kapitalistischen Moderne darstellen kann.


Unter dem Motto "Frauenbefreiung, Ökologie und Demokratie" bieten die Volksorganisationen und die Beteiligung des Volkes an den Strukturen der Revolution die Mechanismen und Mittel zur Überwindung dieser Probleme.


 Derzeit ist das System der demokratischen Autonomie in Rojava in vier Ebenen gegliedert. Auf jeder dieser Ebenen gibt es Kommissionen (Arbeitsgruppen), die sich aus Vertretern und Aktivisten zusammensetzen und in acht Bereichen arbeiten: Frauen, Verteidigung, Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, freie Gesellschaft, Justiz und Ideologie. Die Frauenausschüsse nehmen unter den Ausschüssen eine Sonderstellung ein, da sie in Räte unterteilt sind. Der Frauenrat (auf kommunaler Ebene werden sie Frauengemeinden genannt) wählt die weibliche Ko-Vorsitzende selbst: Männer können nicht mitentscheiden. Außerdem ist die Beteiligung der Frauen nicht nur auf diesen Bereich beschränkt, sondern auch in den anderen sieben Bereichen muss die Struktur zu mindestens 40 % aus Frauen bestehen, damit Entscheidungen getroffen werden können.


Im demokratischen Konföderalismus werden alle Ausdrucksformen als komplementär zum Streben nach einem freien und gemeinschaftlichen Leben betrachtet, da jede Nation, Ethnie und Religion ihre Kultur und Sprache frei zum Ausdruck bringen kann und dennoch mit dem demokratischen System verbunden ist. Auf diese weiße leben heute in Rojava Araber, Kurden, Turkmenen, Assyrer und Syrer im Rahmen desselben Systems zusammen und teilen dieselbe Realität und dasselbe Modell der Organisation und des gesellschaftlichen Zusammenlebens.


Diese Realität widerspricht dem nationalstaatlichen Argument, dass die Integration in eine dominante und gemeinsame nationale Identität die einzige Form der friedlichen Koexistenz ist.

Die Praxis des demokratischen Konföderalismus’ beweist, dass ein respektvolles und friedliches Zusammenleben zwischen verschiedenen Menschen der wahre Weg zu einer demokratischen und freien Lösung in der Gesellschaft ist. Trotzdem ist klar, dass es immer noch Probleme gibt und dass sich die kommunale und freiheitliche Mentalität noch nicht vollständig durchgesetzt hat, was es den Staaten in der Region ermöglicht, das Narrativ zu manipulieren, um Spannungen zwischen Gruppen zu erzeugen. Kürzlich berichteten die Medien der arabischen Staaten, unterstützt von iranischer Propaganda, über einen "arabischen Aufstand in der Autonomieregion Syrien gegen die kurdische Unterdrückung", obwohl es sich in Wirklichkeit um eine koordinierte Aktion nationalistischer iranischer und syrischer Milizen handelte, die darauf abzielten, die strategische Kontrolle über die Region wiederzuerlangen und ihre Aktionen durch einen nationalistisch-ethnischen Diskurs zu legitimieren. Die Realität könnte nicht weiter davon entfernt sein, denn revolutionäre Institutionen setzen sich immer aus Mitgliedern verschiedener Ethnien und Religionen zusammen, immer in Übereinstimmung mit der materiellen Realität des jeweiligen Ortes. So ist beispielsweise die Region Deir Ez-Zor fast vollständig arabisch, was bedeutet, dass in den Gemeinden und Kommunen Araber mitwirken, wobei die religiösen Traditionen respektiert und die lokalen Unterschiede zwischen Stämmen und Clans verstanden werden. Es ist offensichtlich, dass die revolutionäre Linie in der gesamten Bildung präsent ist, die darauf abzielt, eine freie Mentalität zu schaffen, in der der feudale und patriarchalische Traditionalismus von der neuen Gesellschaft abgekoppelt wird.


Für die Entwicklung dieses Prozesses muss das praktische Verständnis der jeweiligen Realität beobachtet werden, wobei ihr historischer Verlauf, ihre Merkmale und Besonderheiten zu berücksichtigen sind, um dann gemeinsam mit den Menschen und den revolutionären Strukturen zu verstehen, wie die Probleme des täglichen Lebens zu bewältigen sind. Der Unterschied zum nationalstaatlichen Modell besteht darin, dass die Lösungen von der Basis der Gesellschaft und nicht von den Reichen und Mächtigen gesucht werden. So wird die Macht nicht nur an einen parlamentarischen Vertreter delegiert, sondern von jedem Einzelnen ausgeübt, von der Kommune bis zur Versammlung und der Stadtverwaltung.


Eine klare Linie für die Entwicklung einer dekolonialen und antipatriarchalen Gesellschaft ist für die Entwicklung einer tragfähigen Alternative für den Nahen Osten unerlässlich.


Die gelebte Praxis in den befreiten Regionen von Rojava, Mexmûr und Shengal ist ein lebendiger Beweis dafür, dass eine andere Welt möglich ist, dass ein anderes System nicht weit von unserer Realität entfernt ist, dass es eine Alternative zur kapitalistischen Moderne und ihrer unmenschlichen Realität gibt. Die internationalistische Linie dieser Revolution zielte von Anfang an darauf ab, sich in der Region zu verbreiten und durch ihre Praktiken zu einem lebensfähigen Modell für alle unterdrückten Völker zu werden. Genau aus diesem Grund waren und sind Tausende von Internationalisten auf dem freien Territorium von Rojava anwesend, um zu lernen und ihr Verständnis der Revolution zu vertiefen.


Vor einigen Jahren fand die Konferenz der revolutionären Jugend des Nahen Ostens und Nordafrikas statt. Auf dieser Konferenz wurde das Paradigma Rêber APOs erneut als ein gangbarer und realer Weg gesehen, eine andere Realität zu schaffen, in der die Probleme der unterdrückten Völker zum Tragen kommen. Die Jugend spielt eine fundamentale und wesentliche Rolle in der Vorhut dieses Wandels, indem sie sich radikal organisiert und die Grundlagen für die lang ersehnte Idee eines globalen demokratischen Konföderalismus schafft. In Anbetracht seiner Geschichte kolonialer Gewalt und staatlicher Unterdrückung ist der Nahe Osten einer der fruchtbarsten und notwendigsten Orte, an dem diese Realität zum Tragen kommen kann. Es ist kein Wunder, dass die Zahl der jungen Araber, die sich der Revolution und der revolutionären Partei anschließen, von Jahr zu Jahr wächst. Rêber APO und die PKK betrachten die Erneuerung des Internationalismus und die Erneuerung des Sozialismus als gemeinsame und sich gegenseitig verstärkende Projekte, denn „sich dem Sozialismus zu widersetzen heißt, sich der Menschheit zu widersetzen.“


Das Beharren auf revolutionärem Internationalismus bedeutet folglich das Beharren auf unserer eigenen Existenz.


Cêmil Cûdî





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